Nein, nicht mit jedem Geburtstag wird automatisch auf eine neue Seite umgeblättert.
(Aber hey, dafür gibt’s nach einem Monat Pause gleich zwei Postings in einer Woche, das muss doch auch was zählen.)
October 23rd, 2009 § 5
October 21st, 2009 § 10
Seit knapp drei Wochen nervt mich eine Erkältung, was nicht nur unerhört, sondern, autobiographisch betrachtet, auch ungehört ist. In den letzten zehn Jahren hatte ich gegen alle tröpfchenübertragenen Infekte ein sicheres Mittel. Sobald meine Schleimhäute zur Überproduktion neigten und ich statt der Nase den Mund zur Sicherstellung der Sauerstoffversorgung nutzen musste, buchte ich meinem Intellekt einen Last-Minute Urlaub nach Übersee und verzog mich mit einem Seitenblätterer (nicht unter 600 Einheiten), einer Kanne voller Kräutertee und Kleehonig, tonnenweise Taschentüchern und allen gerade verfügbaren Fernbedienungen für einige Abende unter die dicke Decke. Gründe aufzustehen gab es dann nur noch zwei: Die Toilette und die Schokolade, die ich wegen des mediterranen Raumklimas im Kühlschrank zwischenlagerte. Für beides sind in anderen Jahrhunderten zwar ebenfalls Lösungen vorhanden, jedoch ist keine davon sonderlich sexy.
So finde ich die Entscheidung der modernen Menschheit, ihre Bettpfanne aus dem frisch gekitteten und deswegen endlich dichten Fenster im hohen Bogen auf die Pflastersteine darunter zu werfen absolut richtig, weil hygienisch. Völlig falsch hingegen fände ich es, den Schmelzpunkt der Kakaobohne bereits jetzt hochzuzüchten, wo die Genmanipulation doch allerhöchstens in Schuhen der Größe 30 steckt.
So verbringe ich diese Zeiten also als Grossstadteremit mit Völlen, späterem Entleeren und ständigem Lesen. Das einzig anspruchsvolle an diesen Abenden ist die gelegentliche Postkarte, auf denen mir mein Intellekt von seinen Reisen an die Kulturstädten dieser Welt berichtet. Glücklicherweise beschränkt auch bei ihm dieses Nachrichtenformat den Erlebnisbericht auf Oberflächliches, “War heute hier und da, bin morgen woanders und sitz gerade auf der Terrasse und warte aufs Abendessen. Wünschte du wärst auch hier. Grüße und bis bald”. Zwei, drei Tage geht das normalerweise so, und am Ende kletter ich über einen Berg aus verklebten Papiertüchern und bin wieder fit.
Bisherige Erkältungen waren wie Literaturstudentinnen, die ständig von einem Leben in Indien träumen, ihre Reisen dahin aber nach drei Wochen jedes mal abbrechen weil das alles irgendwie doch nicht so richtig klappen wollte. Je mehr Aufmerksamkeit man ihnen schenkte, desto schneller war man sie endgültig los.
September 15th, 2009 § 7
Das schlechte Wetter der ersten Tage zwang mich gab mir die Gelegenheit, ein paar Museen zu betreten.
Durchaus erwähnenswert ist hier das Museum der Kommunikation, in dem ich einen alten Bekannten wieder traf.
Ausserdem stand an allen historischen Epochen der technischen Kommunikation jeweils ein Computer, der mit ein paar Fragen zum eigenen Umgang mit Brief, Handy, usw. eine psychologische Typisierung vornahm. Als echter Zwonuller gab es für mich natürlich keinen Weg vorbei an dem Test und so hielt ich am Ende folgendes Ergebnis in den Händen.
Beim Weiterlesen stellte ich allerdings fest, dass Allrounder der Schweizer Euphemismus für Langweiler ist.
September 10th, 2009 § 9
Letzten Donnerstag also landete ich dank einer dichten Wolkendecke mit der Anmut eines schlecht gefalteten Papierfliegers auf dem Berner Rollfeld, bereit für sieben Tage helvetischer Erlebnisse. In dieser Woche sah ich mehr Schokolade, als ich in meinem Leben essen kann und genug Grappa, um sie hinunterzuspülen. Ich war auf dem ersten Berner Poetry-Slam und stand vor der van Gogh Ausstellung in Basel. Ich habe Muskelkater vom Berghinabsteigen und eine Frühsommererkältung, weil ich den gefühlten Temperaturanstieg am Lago Maggiore überschätzte. Ich bilde mir jetzt ein, Schweizer Dialekte unterscheiden zu können, wenn auch nur in solche die ich ein wenig verstehe und solche, die ich gar nicht verstehe. Ich bekam einen lackierten Zehennagel in Zürich und eine ebenso rot gefärbte Nase im Tessin. Ich war auf ein Schweizer Fondue eingeladen, dessen internationale Besetzung den geschmolzenen Käse in den Keramiktöpfen des Genfer UNOGs vor Neid erblassen lassen dürfte. Ausserdem kenne ich die Strafe für ein verlorene Brotstücke (zum Glück beinhaltet sie keine Ketten und die nähere Erkundung des Aarer Flussbettes). Mir wurde schwarz auf weiß attestiert, selbst für Schweizer Verhältnisse langweilig zu sein (ihre Worte nicht meine) und ich entdeckte eine neue Form der Langsamkeit. Ich widerlegte die Behauptung amerikanischer Filme, laut der Tabakkonsum direkt proportional zur Verruchtheit eines Charakters ist und merkte dabei wieder einmal, warum die kriminelle Laufbahn meine nicht ist. Sprich, ich habe eine Menge Notizen und Bilder gesammelt, um diesem Blog in den nächsten Tagen eine gehörige Herz-Rhythmus-Massage zu verpassen.
Vor allem aber erfuhr ich die Gastfreundschaft zweier Schweizer Bloggerinnen, namentlich der Damen Chliitierchnübler und DiVa, die das Wort so groß schreiben, dass eine adäquate Wiedergabe hier aufgrund der Beschränkungen des W3C-Konsortiums für html-Tags leider nicht möglich ist. Ich kann nur jedem Leser raten, mit vollem Einsatz um die Gunst der Damen zu buhlen, sollte er einen Urlaub in der Schweiz auch nur annähernd in Erwägung ziehen.