Seit knapp drei Wochen nervt mich eine Erkältung, was nicht nur unerhört, sondern, autobiographisch betrachtet, auch ungehört ist. In den letzten zehn Jahren hatte ich gegen alle tröpfchenübertragenen Infekte ein sicheres Mittel. Sobald meine Schleimhäute zur Überproduktion neigten und ich statt der Nase den Mund zur Sicherstellung der Sauerstoffversorgung nutzen musste, buchte ich meinem Intellekt einen Last-Minute Urlaub nach Übersee und verzog mich mit einem Seitenblätterer (nicht unter 600 Einheiten), einer Kanne voller Kräutertee und Kleehonig, tonnenweise Taschentüchern und allen gerade verfügbaren Fernbedienungen für einige Abende unter die dicke Decke. Gründe aufzustehen gab es dann nur noch zwei: Die Toilette und die Schokolade, die ich wegen des mediterranen Raumklimas im Kühlschrank zwischenlagerte. Für beides sind in anderen Jahrhunderten zwar ebenfalls Lösungen vorhanden, jedoch ist keine davon sonderlich sexy.
So finde ich die Entscheidung der modernen Menschheit, ihre Bettpfanne aus dem frisch gekitteten und deswegen endlich dichten Fenster im hohen Bogen auf die Pflastersteine darunter zu werfen absolut richtig, weil hygienisch. Völlig falsch hingegen fände ich es, den Schmelzpunkt der Kakaobohne bereits jetzt hochzuzüchten, wo die Genmanipulation doch allerhöchstens in Schuhen der Größe 30 steckt.
So verbringe ich diese Zeiten also als Grossstadteremit mit Völlen, späterem Entleeren und ständigem Lesen. Das einzig anspruchsvolle an diesen Abenden ist die gelegentliche Postkarte, auf denen mir mein Intellekt von seinen Reisen an die Kulturstädten dieser Welt berichtet. Glücklicherweise beschränkt auch bei ihm dieses Nachrichtenformat den Erlebnisbericht auf Oberflächliches, “War heute hier und da, bin morgen woanders und sitz gerade auf der Terrasse und warte aufs Abendessen. Wünschte du wärst auch hier. Grüße und bis bald”. Zwei, drei Tage geht das normalerweise so, und am Ende kletter ich über einen Berg aus verklebten Papiertüchern und bin wieder fit.
Bisherige Erkältungen waren wie Literaturstudentinnen, die ständig von einem Leben in Indien träumen, ihre Reisen dahin aber nach drei Wochen jedes mal abbrechen weil das alles irgendwie doch nicht so richtig klappen wollte. Je mehr Aufmerksamkeit man ihnen schenkte, desto schneller war man sie endgültig los.