Category: Spaßgesellschaft

Die Stiftung zur Förderung jungfräulicher Geburt

Seit meiner Kündigung zum Jahreswechsel versuche ich mich, tapsig, in einem urbanen Lebenswandel. Ob Diana Auslöser oder Folge dieser Entscheidung war sei dahingestellt, jedenfalls brachte sie mich am Wochenende auf das Jahresbankett einer angesagten Stiftung zur Förderung jungfräulicher Zeugung, in einen Ballsaal voller Casual Chic und diskreter Liveband, an dessen Rand der Organisator, ihr alter Freund Tom uns und sich einen Tisch freigehalten hatte. Die Haupteinladung galt wohl Diana. Frischer Single, versuchte er in letzter Zeit wieder zu beeindrucken, stieß aber auf keine Resonanz wie sie mir versicherte. Am Abend davor verlangte sie mir präventiv einen Waffenstillstand ab und ich stellte mein profanes Geplauder zur Schau, bis sie zwei Stunden später besänftigt ihre gekonnt unmondäne Bettdecke für mich anhob.
“Und diese authentische Schalfzimmerdeko, wie sind Sie nur darauf gekommen?” hauchte ich noch bevor ich ihr Apfelblütenparfüm schmeckte. Kein Anlass für eine Seifenoper. Das bekomme ich hin, einen Abend als geputzter Schatten an ihr zu kleben.
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Spaßgesellschaft (3)

“Ich brauche anständige Arbeit.”

“Das hier ist anständige Arbeit.”

“Wir stehlen gerade ein Auto ein.”

“Im Auftrag des Umweltministeriums.”

“Wo ich herkomme, ist das hier Stehlen.”

“Wo du herkommst, da war das Stehlen. Freu dich, dass du die Stelle hier als Bewährungsauflage bekommen hast.”

“Und wir nehmen es auch sicher keinem Unschuldigen weg?”

“Seid wann interessiert dich denn so was?”

“Es interessiert mich eben.”

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Buch 2: Noch eine Vorstellung

Man muss es zwar nicht laut anstimmen, das vielbesungene Lied vom Ende der Welt, aber es doch leise mitsummen, wenn man dieses Buch auspackt: “The sun and the moon” erzählt von einer riesigen Zeitungsente, die vor 150 Jahren durch New York tobte, wie es seitdem nur noch King Kong, Godzilla und dem Marshmallow-Man erlaubt wurden. Um Fabelwesen ging es auch dort: Einhörner, aufrecht gehende Biber und eine Horde Batmänner, die auf dem Mond lebten und sich Dank modernster Teleskoptechnologie erstmals dem menschlichen Auge entblößten. Nun lässt sich freilich der vom vielseits anerkennenden Nicken begleitete Weg einschlagen, der diese Artikelserie als den Beginn des unseriösen Journalismus beschreibt, dem Auflagenzahlen durch einen verängstigten Mob wichtiger als Fakten sind. Allerdings bietet sich daneben, fast völlig verwachsen, ein Zweiter: Auf ihm findet sich die Idee, dass auch im Springer Verlagshaus noch ein Redakteur sitzt, dessen Augenzwinkern wir bei seinen Erzählungen von schwarzen Löchern aus dem LHC ebenso übersehen wie seinerzeit halb New York. Oder ist das noch fantastischer als Einhörner auf dem Mond?

Spaßgesellschaft (2)

Eines Tages stellte dann unsere Kleinstadt einen Skatepark an den südlichen Waldrand. Wir waren damals 14 oder 15 Jahre, jedenfalls bevor das an der Supermarktkasse vorzeigbar war, und weswegen das für uns auch eine wuchtige Angelegenheit war, mit einer stabilen Halfpipe und weiter hinten ein paar Betonboxen und metallverstärkte Kanten. Wir schnalzten die Bretter praktisch täglich im Takt der übersteuerten Bässe aus Bernhards Ghettoblaster über den Asphalt bis mir Abends die Handgelenke schmerzten trotz der Schoner. Und dazwischen, wenn die Sonne richtig hochlief, hockten wir auf der Halfpipe und aßen, anfangs noch Toastbrot, aber der Schweiß aus unseren Händen durchweichte das furchtbar schnell, ganz egal wie oft wir uns die Finger an den T Shirts abwischten, die ja auch klitschnass waren vom ganzen Üben, und wir wechselten dann schnell zum festeren Graubrot.

Und zu eben so einer Pause kam dieser Typ das erste Mal vorbei, sein grauer Pferdeschwanz von einem fleckigen Haargummi zusammengehalten und beige Sandalen mit Schweißfüßen drin, die ungelogen bis zu uns hoch stanken, so ein süßlicher Muff, der sogar durch Qualm der Zigaretten drang, die wir pafften. Direkt quäkte er los, was für Faulpelze wir wohl wären, und er, in unserem Alter, er war protestieren, Häuser besetzen und die da oben aufrütteln. Und wir, wir lassen uns jetzt von denen mit Spielplätzen stummkriegen. Wir wären einfach nicht Anti genug.

Die Kauzerei dauerte keine Minute, weswegen wir uns zunächst nichts dabei dachten. Ab da tauchte er aber öfter auf.  Er wurde auch immer abstruser, wir und unsere HJ-Frisuren verschuldeten inzwischen nicht nur für den Hunger in Afrika und den Jugoslawienkrieg, wir bekamen auch den sauren Regen mit Waldsterben auf unsere schlaksigen Schultern geladen – ganz zu schweigen vom Ozonloch, das wir am liebsten wohl weiter aufreißen würden, um unsere unsolidarischen Plautzen stärker zu bräunen. Uns ging der Kerl inzwischen unfassbar auf den Sack, wir hatten schließlich Ferien und so einen Dummsülz brauchten wir da echt nicht. Wir beschlossen, ihm mal heimlich zu folgen, uns in seinem Garten etwas Anti aufführten. Mal schauen, wie ihm das gefiel.

Daraus wurde allerdings nicht, weil Vater irgendwie auch alles mitbekam. Wir sollen uns mal noch zurückhalten, sagte er, alten Hunden bringe man nun mal keine neuen Tricks mehr bei. Und zwei Tage später nietete er mit uns eine Metalltafel an das Gerüst der Halfpipe. Ein Freund hatte sie ihm angefertigt und in schwarzen Großbuchstaben allerhand halbseidene Verbote drauf gedruckt, NICHT ESSEN, NICHT RUMMÜLLEN, KEINE MUSIK, NICHT RAUCHEN und HIER BLOß NICHT RUMLUNGERN und rechts unten das alles signiert mit DIE STADTREGIERUNG.

Als die Nervensäge tags darauf wieder ansandalt kam, da bemerkte er tatsächlich sofort die Plakette. Er ruckelte an seiner Nickelbrille und zog dazu die Oberlippe hoch, half wohl das Ding zu lesen oder was weiß ich, und wir gaben ihm erst mal etwas Zeit, lehnten uns betont lässig an das raue Holz der Rampe und kauten unsere Brotzeit, als wäre nichts. Markus setzte dann dem ganzen noch die Krone auf, er warf sein Brot achtlos hinter sich auf den Platz, schnappte sich eine Zigarette, und fragte mal, was denn so anläge. Der Typ sah schließlich wieder zu uns hoch und fing doch tatsächlich das Grinsen an, übers ganze Gesicht, ich hätte mein Brett drin parken können, quer. Offenbar waren wir jetzt Anti genug. Wir warteten weiter, aber er drehte sich einfach so um und verschwand, und das war dann auch überhaupt das letzte, was ich je von ihm gesehen habe, ein grauer Pferdeschwanz, der wie ein abgespultes Jo-Jo nur noch leicht auf und ab hüpfte. Im Laufe des Sommers sahen wir dann immer wieder die Spaziergänger lächeln, wenn einer von uns sich sonnte und dabei die Beine lässig über das Schild baumeln ließ, und auch deshalb schworen wir uns, nur so schnell wie möglich von hier wegzuziehen.

Spaßgesellschaft

Gleich zu Beginn der Vorstellung verließen die Ersten den Saal. Sie verstanden nicht, wie jemand diesen Unsinn da vorne ernst genug nehmen konnte, um Gefallen daran zu haben. Die Zurückgebliebenen hatten für die Flüchtlinge nur ein Schulterzucken übrig. Sie verstanden nicht, wie jemand diesen Unsinn da vorne ernst genug nehmen konnte, um keinen Gefallen daran zu haben.

Beim Herausgehen kaufte noch jeder eine CD des Künstlers, von der die Hälfte des Geldes einer wohltätigen Stiftung zugute kam. So waren schließlich alle der Meinung, etwas Vernünftiges getan zu haben. Und das ist schließlich die Hauptsache.