“Meldest du dich auch für den Firmenlauf an?”, fragte meine Kollegin über den Schreibtisch.
“Nein,” sagte ich. “Laufen find ich stinklangweilig.” Ich wand mich wieder meiner Arbeit zu, der Ironie wohl bewusst.
“Melden Sie sich auch für den Firmenlauf an?”, fragte der Kollege, mit dem ich morgens zur Arbeit fahre, weil die S-Bahn schon wieder seit zehn Minuten im Grünen stand.
“Nein. Durch das viele Skaten früher sind meine Knie zu kaputt,” sagte ich und wir kramten in unseren Small-Talk Täschchen nach anderen Themen.
“Ui, der Firmenlauf”, sagte mein Chef tags darauf, “das wird ein Spaß fürs Büro.”
Zwei Tage später fand ich meine Startnummer in der Hauspost.
Abends zog ich meine alten Turnschuhe an und fuhr zu einem Trimm-Dich-Pfad in der Nähe. Auf den Kieselsteinparkplatz, an dem der Weg anfing, stand nur ein einsamer blauer Kombi, dessen Besitzer gerade als ich auffuhr das linke Bein in den offenen Kofferraum streckte und sich wippend darüber beugte. Er war ein hagerer Mittvierziger mit grauen Schläfen, trug eine schwarzer Jogginghose und ein grünes T-Shirt, auf das der Schweiß ein dunkles Rorschachmuster gezeichnet hatte. Beim Dehnen massierte er seine Wade, so zärtlich, dass ich mir beim Zuschauen fast wie ein Spanner vorkam. Trotz dem Stoff darüber konnte ich erkennen, dass seine Schenkel die bestgepflegtesten Stücke seines Körpers waren, auf ein Niveau hochtrainiert, auf dem sie ihm sein Sozialleben wohl ziemlich versauten. “Ins Kino mit deinen Kumpels?”, hatten sie wahrscheinlich noch vor ein paar Stunden gesagt und dabei die Wadenhärchen gesträubt. “Wir sollen den Abend also reglos im Dunklen verbringen und dabei verkümmern und Falten werfen nur weil es dir gerade so passt?” Also hatte er abgesagt und war hierher gefahren.
Der Regen hatte den roten Kies des Weges schwer und unbeweglich gemacht und die Bäume am Rand nass und dunkel. Es roch modriger als in jeder Umkleide, durchaus passend also, aber das machte nichts besser. Seufzend lief ich los. Schon nach dem ersten Schritt war mir langweilig.
Schneller als erwartet merke ich dann auch meine Knie. Seit einiger Zeit schmerzten sie zunehmend wenn ich längere Strecken lief. Einige Freunde von mir, die Joggten um ihr Gewissen zu beruhigen ohne deswegen einen vernünftigen Sport betreiben zu müssen, rieten mir ständig zu mehr Lauftraining und speziellen Laufschuhen. Allerdings hielt ich nichts von einer monetären Lösung, selbst im Profisport taugt doch das beste Material auch nur für ein paar Zehntelsekunden weniger, ein lächerliches Preis-Leistungsverhältnis also. Und den Schmerzauslöser verstärken um ihn so zu bekämpfen? Nun ja. Da schob ich meine kaputte Knie doch lieber auf den Verschleiß und beließ es dabei. Das fiel für mich in dieselbe Kategorie wie Schokoeis mit Sahne nach Mitternacht. Ein Luxus, der mir durch ein gewisses Alter einfach zustand.
Ich versuchte es mit kleinen Schritten, die den Boden kaum verließen um die Belastung zu minimieren. Die Schmerzen in meinem linken Gelenk blieben allerdings, nicht sonderlich stark aber doch allmählich steigend. Ich variierte das Tempo eine Weile hin und her, musste wenig später jedoch einsehen, dass das auch nichts half und schlenderte schließlich den Weg einfach weiter. Joggen in dieser homöopathischen Dosis ließ meine Schmerzen tatsächlich abklingen und zielführend war es letzten Endes ja auch.
Dennoch: Als mich wenig später die grau melierte Ménage à trois auf ihrer nächsten Runde überholte und in den Sonnenuntergang davoneilte, verspürte ich zwar keinerlei Lust in ihren Schuhen zu stecken, aber zumindest mal anprobiert hätte ich diese Dinger doch gerne.
Das hier ist der internationale Check-In. Den Nationalen finden Sie dort drüben.
Um sieben Uhr Morgens stehe ich ziemlich nutzlos am Münchner Flughafen. Die Nacht davor war lang oder kurz, je nachdem wie ich es betrachten will, auf jeden Fall ging der Plan gründlich schief, nur kurz auf der Geburtstagsfeier zu bleiben. Um großes Aufsehen zu vermeiden imitiere ich einfach des Verhalten eines analphabetischen Thomas Cook-Herdentieres. Das professionelle Personal umhüllt mich sogleich mit einen Wattebausch aus Servicelächeln und passt diesen mit einer effektiven Eleganz einander zu, die selbst den FC Barcelona beeindrucken sollte. Sie denken sogar daran, dem Kapitän über Funk durchzusagen, er möge die Maschine doch bitte recht hart in Köln aufsetzen um mich wieder zu wecken.
Du bist also in Köln?
Im Schatten des Doms erreicht mich der Anruf eines Bekannten aus Düsseldorf. Ich hatte ihm vor ein paar Wochen versprochen mich rechtzeitig zu melden, damit wir uns dann sehen könnten. Jetzt darf ich mir anhören, rechtzeitig wäre ja wohl was anderes als “in der S-Bahn zwischen Flughafen und Hauptbahnhof”. Zumindest sorgt das Gespräch dafür, dass in der Landkarte aus Substantiven, nach der ich mich bisher orientierte (Treppe-Fahrkartenschalter-Geld-Fahrkarte-Treppe-Bahnsteig, etc.) erste Flüsse aus Verben zu verzeichnen sind und, glaubt man der Legende rechts unten, sogar Adjektive.
Die Eigenwahrnehmung setzt allmählich ein: In Sakko, Hemd, Jeans und Sonnenbrille, in der einen Hand den Samsonite Rucksack und der anderen mein Handy gebe ich ganz den Yuppie, der nach der Aussage eines Kölner Freundes gestern Abend absolut fehl am Platz, ja hier geradezu unerwünscht ist. Bevor also eine der Kunststudentinnen ihren Zeichenblock weglegt und versucht, den Schutzring von Zigarettenschnorrern um mich herum zu durchbrechen und mich die Domtreppen hinunterzustoßen, flüchte ich in den nächsten Starbucks.
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Es ist Freitag Abend und wir fahren zu einer Hütte im Rißtal nahe der Österreichischen Grenze. Tobi hat die Hütte für das Wochenende gemietet. Er feiert seinen 30. Geburtstag und wie jeder unter 30 ist er der festen Meinung, diese Rubikonüberquerung von Jung nach Alt benötigt das Adjektiv gebührend. Wie jeder über 30 bin ich der festen Meinung, dass diese Grenzziehung völliger Quatsch ist.
Der Himmel ist nicht bewölkt sondern beschlagen. Schneeflocken ziehen um uns herum Leuchtspuren durch die Luft. Am Strassenrand steht eine Reihe Fichten, die nichts verdecken außer Kilometer weiteren Fichten und der Skyline aus Bergen. Dazwischen ein Schild, das weiss auf grün den Lokalsender „Radio Alpenwelle“ (UKW 95,0) bewirbt. Vor uns erbricht ein Schneeräumer weisse Klümpchen an den Strassenrand und hinterlässt uns eine Eisrinne.
Die Ortsschilder, die mitunter nur einen Bauernhof etikettieren, tragen Namen wie Fleck, Winkel, Holz oder Wegscheid, da noch kein auswärtiger Beamter lange genug hier war, um aus ihnen etymologische Rätsel zu formen. Soeben fahren wir durch Fall, denn direkt dahinter verläuft eine langgezogene Brücke über den fünfzig Meter tiefer liegenden Rißbach. (Ich weiß nicht ob die Assoziation stimmt. Ich vermute es angesichts unserer Reifen, die mit ihrem Spiegelbild auf der Strasse alle paar Meter durchdrehen.)
Laut einem weiteren Schild, diesmal schwarz auf weiß, befinden wir uns jetzt auf einer Mautstrasse, aber niemand verspürt Lust anzuhalten und das näher zu ergründen. Wenig später taucht eh schon unsere Hütte auf. Eine Feuerfontäne, die kurz zwei Meter in den Himmel schießt, zeigt uns dass wir richtig und die Grillkohlen bald bereit sind. » Read the rest of this entry «