Doch noch ein wenig Jahresrückblick

December 31st, 2009 § 9

Wie ich heute morgen feststellte, hat sich Österreich bereits auf das Unwort des Jahres 2009 geeinigt und es lautet Analogkäse. Dieses Produkt, das sich in erster Linie auf Tiefkühlkost findet, besitzt nämlich keine Milch- sondern eine Pflanzenölbasis, kennt Almkühe also bestenfalls von den Verpackungen im Nachbarregal und dürfe somit unter keinen Umständen auch nur in die Nähe eines Naturprodukts gerückt werden. Nun ließe sich natürlich einwenden, dass Analogkäse aufgrund seiner Konsistenz keineswegs gesundheitsschädlich ist, und ja wohl auch niemand seine Wohnungsbesucher ungefragt davor warnt, dass der dargebotenen Sessel nur einen Kunstlederbezug hat, aber wo die Kapitalismuskritik am Werke ist sollte die Linguistik sich lieber zurückhalten, am Ende müssten sonst noch die Hälfte aller jemals verliehenen Literaturpreise zurückgegeben werden und damit wäre schließlich auch niemandem gedient.
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Erkältet

October 21st, 2009 § 10

Seit knapp drei Wochen nervt mich eine Erkältung, was nicht nur unerhört, sondern, autobiographisch betrachtet, auch ungehört ist. In den letzten zehn Jahren hatte ich gegen alle tröpfchenübertragenen Infekte ein sicheres Mittel. Sobald meine Schleimhäute zur Überproduktion neigten und ich statt der Nase den Mund zur Sicherstellung der Sauerstoffversorgung nutzen musste, buchte ich meinem Intellekt einen Last-Minute Urlaub nach Übersee und verzog mich mit einem Seitenblätterer (nicht unter 600 Einheiten), einer Kanne voller Kräutertee und Kleehonig, tonnenweise Taschentüchern und allen gerade verfügbaren Fernbedienungen für einige Abende unter die dicke Decke. Gründe aufzustehen gab es dann nur noch zwei: Die Toilette und die Schokolade, die ich wegen des mediterranen Raumklimas im Kühlschrank zwischenlagerte. Für beides sind in anderen Jahrhunderten zwar ebenfalls Lösungen vorhanden, jedoch ist keine davon sonderlich sexy.
So finde ich die Entscheidung der modernen Menschheit, ihre Bettpfanne aus dem frisch gekitteten und deswegen endlich dichten Fenster im hohen Bogen auf die Pflastersteine darunter zu werfen absolut richtig, weil hygienisch. Völlig falsch hingegen fände ich es, den Schmelzpunkt der Kakaobohne bereits jetzt hochzuzüchten, wo die Genmanipulation doch allerhöchstens in Schuhen der Größe 30 steckt.

So verbringe ich diese Zeiten also als Grossstadteremit mit Völlen, späterem Entleeren und ständigem Lesen. Das einzig anspruchsvolle an diesen Abenden ist die gelegentliche Postkarte, auf denen mir mein Intellekt von seinen Reisen an die Kulturstädten dieser Welt berichtet. Glücklicherweise beschränkt auch bei ihm dieses Nachrichtenformat den Erlebnisbericht auf Oberflächliches, “War heute hier und da, bin morgen woanders und sitz gerade auf der Terrasse und warte aufs Abendessen. Wünschte du wärst auch hier. Grüße und bis bald”. Zwei, drei Tage geht das normalerweise so, und am Ende kletter ich über einen Berg aus verklebten Papiertüchern und bin wieder fit.

Bisherige Erkältungen waren wie Literaturstudentinnen, die ständig von einem Leben in Indien träumen, ihre Reisen dahin aber nach drei Wochen jedes mal abbrechen weil das alles irgendwie doch nicht so richtig klappen wollte. Je mehr Aufmerksamkeit man ihnen schenkte, desto schneller war man sie endgültig los.

Schweizauftakt

September 10th, 2009 § 9

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Letzten Donnerstag also landete ich dank einer dichten Wolkendecke mit der Anmut eines schlecht gefalteten Papierfliegers auf dem Berner Rollfeld, bereit für sieben Tage helvetischer Erlebnisse. In dieser Woche sah ich mehr Schokolade, als ich in meinem Leben essen kann und genug Grappa, um sie hinunterzuspülen. Ich war auf dem ersten Berner Poetry-Slam und stand vor der van Gogh Ausstellung in Basel. Ich habe Muskelkater vom Berghinabsteigen und eine Frühsommererkältung, weil ich den gefühlten Temperaturanstieg am Lago Maggiore überschätzte. Ich bilde mir jetzt ein, Schweizer Dialekte unterscheiden zu können, wenn auch nur in solche die ich ein wenig verstehe und solche, die ich gar nicht verstehe. Ich bekam einen lackierten Zehennagel in Zürich und eine ebenso rot gefärbte Nase im Tessin. Ich war auf ein Schweizer Fondue eingeladen, dessen internationale Besetzung den geschmolzenen Käse in den Keramiktöpfen des Genfer UNOGs vor Neid erblassen lassen dürfte. Ausserdem kenne ich die Strafe für ein verlorene Brotstücke (zum Glück beinhaltet sie keine Ketten und die nähere Erkundung des Aarer Flussbettes). Mir wurde schwarz auf weiß attestiert, selbst für Schweizer Verhältnisse langweilig zu sein (ihre Worte nicht meine) und ich entdeckte eine neue Form der Langsamkeit. Ich widerlegte die Behauptung amerikanischer Filme, laut der Tabakkonsum direkt proportional zur Verruchtheit eines Charakters ist und merkte dabei wieder einmal, warum die kriminelle Laufbahn meine nicht ist. Sprich, ich habe eine Menge Notizen und Bilder gesammelt, um diesem Blog in den nächsten Tagen eine gehörige Herz-Rhythmus-Massage zu verpassen.

Vor allem aber erfuhr ich die Gastfreundschaft zweier Schweizer Bloggerinnen, namentlich der Damen Chliitierchnübler und DiVa, die das Wort so groß schreiben, dass eine adäquate Wiedergabe hier aufgrund der Beschränkungen des W3C-Konsortiums für html-Tags leider nicht möglich ist. Ich kann nur jedem Leser raten, mit vollem Einsatz um die Gunst der Damen zu buhlen, sollte er einen Urlaub in der Schweiz auch nur annähernd in Erwägung ziehen.

Die schuhgewordene Stillosigkeit

August 11th, 2009 § 0

Je näher der der Firmenlauf rückte, desto weiter entfernte ich mich von der Ziellinie. Ich trainierte zwar treu den Trim-dich-Pfad weiter, aber mein Knie klopfte ein ums andere mal und mit der Beharrlichkeit eines Vorwerkvertreters an meine Rezeptoren. Ich versuchte den Schmerz zu ignorieren, aber daraufhin griff es sich ein paar Nervensträngen und peitsche auf meine Großhirnrinde ein bis ich schließlich doch nachgab und den restlichen roten Kiesweg wieder zum Auto zurück schlenderte. Ich war es leid.

Tags darauf also machte ich mich nach der Arbeit zu einem der großen Sportgeschäfte auf und fuhr mit der Rolltreppe in die Joggingabteilung. An die ganze Wand hingen kleine Plexiglasbretter auf denen je ein einzelner Schuhe stand. Kauf einen Schuh und schon bald kannst du wiederkommen und auf den leere Sims deinen Pokal stellen, oder so ähnlich. » Read the rest of this entry «

Träume, Triebe, Trash

July 28th, 2009 § 0

“Letztens also war ich auf einer Bloglesung in München. Kam natürlich später als auf dem Plakat gefordert, was aber nichts machte, da die Uhr des Grand Maître des Lectures wie immer nach Greenwich Time lief. Ich verpasste nur die freien Sitzplätze in dem Laden, dessen Klimaanlage müde anröchelte gegen die schwüle Luft der Stadt, so heiß und feucht als litt die Isar jetzt selbst an Blähungen wegen der Kolibakterien im Wasser.
Weiter hinten erspähte ich zumindest einen Fenstersims, gut einen halben Meter tief, und so saß ich dann doch noch mit guten Blick auf die Bühne. Allein konzeptionell war es ja schon spannend, multimedial nämlich. Das Lesepult war an der Seite aufgebaut, und in der Mitte hing eine dieser public-viewing Leinwände, wie sie seit der WM so verbreitet sind. Links am Rand befand sich noch dazu ein DJ-Pult, direkt unter der Tafel, die kreideweiß auf blau das Bier des Monats und freies WLAN mit dem Passwort Zensursula verkündete.
Deef, der das alles so weit ich weiß organisierte, las auch als Erster. Der DJ füllte dazu den Raum mit elektronischer und basslastiger Musik (eigentlich ja weniger mein Fall) und die Leinwand mit einem visuellen Cocktail von Filmszenen, Nachrichtenbildern und Youtube, die rehe-auf-landstrassengleich nur kurz im Blickfeld verharrten und direkt wieder verschwanden und noch bevor ich soweit war den großen Augen meines inneren Kindes die Kritikerbrille vorzuhalten war er auch schon fertig. Der Applaus zumindest zeigte mir, dass ich nicht der Einzige war, den das recht beeindruckte.

Foto: Deef (cc)

Foto: Deef (cc)

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Where Am I?

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