Musa × paradisiaca (1)

Nadivs Pflegemutter war etwas verrückt, so wie ihre eigene Eltern, die eine KFZ-Werkstatt im Münchner Osten betrieben, in dessen Hinterzimmer auch Fahrzeugscheine ersetzt wurden. Nadivs Pflegemutter entschloss sich nach ihrem Lehramtsstudium zu einem sozialen Jahr. Sie unterrichte in der einzigen Schule einer Südseeinsel, in der Obstkisten als Stuhlprovisorium herhalten mussten. Ihr Aufenthalt musste jedoch aufgrund logistischer Probleme – ihre Medikamente blieben aus – bereits zu den Zwischenzeugnissen abgebrochen werden. Wie sie, in der vollen Blüte ihres erblich belasteten Zustands, den vierjährigen Waisen Nadiv an Bord der Propellermaschine und anschließend durch zwei Zölle schmuggelte, bleibt ihr Geheimnis. Jedoch schaffe es Nadiv Dank einer Geburtsurkunde aus dem großelterlichen Hinterzimmer durch die Schule und bis an die Universität, wo er eine breitgestreute Allgemeinbildung genoss. Seinen Kommilitonen zufolge wählte er seine Studienkurse mit Hilfe einer Formel, dessen Kern ein Quotient aus Anfangszeit des Unterrichts und der Durchfallquote bildete, aber allen Kritastikern zum Trotz erwies sich seine Fächerkombination aus Biologie, Japanologie und BWL als ideale Kletterausrüstung für seinen Aufstieg in die Liste der reichsten Männer der neunziger Jahre.

In den Semesterferien 92 heuerte er auf einem Transportschiff nach Japan an,  und dort auf einem Fischkutter zu seiner Heimatinsel.Auf diesem fielen ihm erstmals die Bananen auf, größere und auch wohlschmeckendere Bananen als die ihm bisher bekannten, und endlich ein Mittel, um seinen Magen oben wie unten zu verschließen, nachdem sein Verdauungssystem seit Beginn der Reise auf Durchzug geschaltet hatte. Eine Biologiedozentin, der er nach seiner Rückkehr eine der Bananen zeigte, vermutete, dass es sich dabei um ein Exemplar der Sorte Gros Michael handelte. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war diese Sorte noch weit verbreitet, bis ein verheerender Befall durch den Fusarium-Pilz die Bananenfelder von Dole und Chiquita praktisch über Nacht ausrottete und sie auf die heute verbreitete, kleinere Bananensorte umsteigen mussten. Die Gros Michael in seiner Hand hatte wohl nur durch die Abgeschiedenheit der Insel überlebt. Ein Saurier, in einer Welt voller Bananenechsen.

Nadiv überwand seine Aquaphobie ein weiteres Mal und war noch vor Semesterbeginn wieder auf der Insel. Er vermarktete die Bananen als Luxusfrucht in den asiatischen Staaten, zu einem Kilopreis, der selbst weißen Trüffel weiter erblassen ließ. Einmal etabliert, lief die Vermarktung seiner Paradiesbanane wie von selber. Er expandierte rasch nach Russland, dessen neuer Oberschicht ein wohlschmeckender Grund gerade recht kam, ihren neuen Reichtum aus dem Fenster zu schleudern. Über den Börsencrash und die Wirtschaftskriese Anfang des neuen Jahrtausends zuckte Nadiv nicht einmal mit den Schultern, auch deshalb, weil er da gerade eine Bananenkiste in den Privatjet eines arabischen Scheichs lud. Nadivs Geschäftsmodell war krisensicherer als eine Sargzimmerei. Verwaltet von einer eigenen Abteilung des größten Wirtschaftsprüfer weltweit.

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