Zwischenstopp
Ich fand den kleinen Flughafen am Ende einer löchrige Asphaltstraße außerhalb von Sidney, an der Gebrauchtwagenhändler Waren geparkt hatten, die alle auf demselben japanischen Modell zu basieren schienen und denen Tuning-Werkstätten mit Spoilern, Rennstreifen und nacktem Chrom im Nachgang so etwas wie Individualität angepappt hatten. Von dort würde es weiter gehen, zum Hauptsitz meines neuen Arbeitgebers.
Wendell war allein in dem verbeultem Wellblechterminal, über dessen unsauberen Fliesen der Geruch von industriellem Putzmittels geisterte. Er zog eine Packung Fischcracker aus einem Snackautomaten. Fünf weitere lagen bereits auf dem Automatendach. Schade. Ein wenig hatte ich gehofft, mal mit einem dieser Namenspappschilder aus der Menge heraus gelotst zu werden.
“Kein Mensch will das Zeug mehr. Auch wenn da sicher nichts drin ist, was jemals Meerwasser gesehen hat.” Er warf die nächsten Münzen ein. Am Handgelenk trug er eine Rolex, gefasst in ein Plastikarmband voller milchiger Sprünge. Unter seinem halb aufgeknöpften Baumwollhemd sah ich einzelne Brusthaarstoppeln durch die bleiche Haut sprießen. “Aber statt es einfach in die Tonne zu treten, packen sie dahinter Geocaches an die du jetzt nur noch kommst wenn du vorher zehn Tüten von dem Zeug kaufst.”
Entweder war er kein Freund von Begrüßungen oder aber tatsächlich so sehr beschäftigt, dass ihm soziale Konventionen gerade entglitten waren, auch wenn ich das für unwahrscheinlich hielt. Oder es lag einfach an der Frühmorgenstimmung aus Taufeuchte und Himmelsrot, die auch mir in Kombination mit dem Jetlag zu schaffen machte. Nennen wir es Altlasten aus dem Studium, jedenfalls ist mein Körper noch immer darauf konditioniert, zu solchen Uhrzeiten automatisch einen Schlafmangel zu unterstellen und die Konzentration runterzufahren. Damals ein probates Mittel um mich vom Schreibtisch ins Bett zu bringen. Inzwischen führt es aber dazu, dass ich schon mal auf einem leeren Flughafenzubringer in Australien auf die rechte Fahrbahnseite wechsle und das erst beim Abbiegen auf den Parkplatz merke.
“Kannst dein Zeug schon reinbringen. Komm gleich nach.” Er deutete zu einem 15-Meter langen Jet auf der Rollbahn. Dann versetzte er wieder die Spirale mit den Fischcrackern in Bewegung. Durch die Scheibe war hinter zwei weiteren Tüten tatsächlich ein kleiner schwarzer Kasten zu sehen, der sich mit nach vorne drehte.
Über einen vierstufigen Haushaltstritt erreichte ich das Innere des Fliegers. Statt Sitzreihen stapelten sich bis Hinten Metallkisten, die an blank geschliffenen Wandösen festgezurrt waren. Fruchtfliegen flogen zwischen den Fensterreihen und den Natriumdampflampen. Das Ganze erinnerte mich eher an eine LKW-Ladefläche als an ein Flugzeug. Sitzplätze fand ich nur im Cockpit. Auf einer der Kisten stand ein katzengroßer Reisekäfig. Beim Nähertreten fand ich darin einen Affen, der beherzt in die Tüte mit den Fischcrackern griff als ich sie ihm hinhielt. Vielleicht nicht der schlaueste Nahrung, wie mir später klar wurde als Wendell kurz darauf die Maschine vom Rollfeld steuerte. Die Klimaanlage hatte ihr Bauplanstadium offenbar nie verlassen. Ich sollte dem Kleinen wohl auch ein wenig Wasser geben. Später. In der Luft. Wie Studentendemonstrationen zeichnet sich meine Flugangst durch eine Art gelehrte Irrationalität aus. Seit ich irgendwo mal gelesen hatte, dass Start und Landung statistisch die kritischsten Momente sind, wechselt mein Puls auf Reisehöhe wieder rasch in einen ruhigen Balladentakt.