Die Stiftung zur Förderung jungfräulicher Geburt

Seit meiner Kündigung zum Jahreswechsel versuche ich mich, tapsig, in einem urbanen Lebenswandel. Ob Diana Auslöser oder Folge dieser Entscheidung war sei dahingestellt, jedenfalls brachte sie mich am Wochenende auf das Jahresbankett einer angesagten Stiftung zur Förderung jungfräulicher Zeugung, in einen Ballsaal voller Casual Chic und diskreter Liveband, an dessen Rand der Organisator, ihr alter Freund Tom uns und sich einen Tisch freigehalten hatte. Die Haupteinladung galt wohl Diana. Frischer Single, versuchte er in letzter Zeit wieder zu beeindrucken, stieß aber auf keine Resonanz wie sie mir versicherte. Am Abend davor verlangte sie mir präventiv einen Waffenstillstand ab und ich stellte mein profanes Geplauder zur Schau, bis sie zwei Stunden später besänftigt ihre gekonnt unmondäne Bettdecke für mich anhob.
“Und diese authentische Schalfzimmerdeko, wie sind Sie nur darauf gekommen?” hauchte ich noch bevor ich ihr Apfelblütenparfüm schmeckte. Kein Anlass für eine Seifenoper. Das bekomme ich hin, einen Abend als geputzter Schatten an ihr zu kleben.

Nach dem Bananentiramisu kam Tom allerdings auf einen Job für mich zu sprechen, zumindest eine Halbtagsstelle, denn: “Weisst du, das mit der Stiftung wird gerade ein wenig viel.”
Er pickte einen Biskuitkrümel von seiner Strickkrawatte, zu der er ein zweireihiges Sakko aus schimmriger Baumwollpopeline und sandfarbene Wüstenstiefel trug.
“Nichts dramatisches, der Newsletter an die Mitglieder, Pressemeldungen und halt die Einladungsgeschichten für solche Abende. Meine Praktikantin kommt auch mit einen halben Schreibtisch aus, du kannst am Montag loslegen. Wenn du willst.”
“Ja, gute Kommunikation ist ebenso wichtig wie unterschätzt,” sagte ich. “Ich lass mir das mal durch den Kopf gehen.”
“Hier ist die Adresse,” er zog mit mäßiger Förmlichkeit eine Visitenkarte hervor, auf dessen Rückseite der Umriss eines Hammerhais prangte, der dem Betrachter mit überdimensionierten Glubschaugen verstörend niedlich zuzwinkerte.
“Überleg es dir. Mich ruft die Pflicht.” Beim Aufstehen stieß er beinahe mit einem der Kellner zusammen der soeben den Espresso servierte, tauchte aber im letzten Moment unter dessen hochgezogenem Arm hindurch und verschwand, ohne sich weiter darum zu kümmern, in der Menge.

Diana rührte eine Weile kritisch durch die Crema, ich unterbrach sie nicht, offenbar bildete sie sich noch eine Meinung zu dem Angebot obwohl sie meine genau kannte.
“Er will dir sicher nur helfen,” sagte sie schließlich.
“Helfen so so, deswegen stahl ich jetzt übers ganze Gesicht, ich fragte mich schon.”
“Etwas Selbstlosigkeit stünde dir ja ganz gut, finde ich. Etwas bessere Laune langsam mal auch.”
Ich verbrannte mir die Zunge am Espresso.
“Stimmt schon, wenn es um Schönschreiben und Schleifen binden geht ist da noch unerschöpftes Potential, aber nur weil ich die Karrieregedanken in die Tonne getreten habe muss es doch auch nichts sein, wo ich von einem Dreiviertelschreibtisch mit eigener Kopierkarte obendrauf träume.”
“In den Wochen die wir uns jetzt kennen warst du jedenfalls ein Trauerspiel.”
Was nicht von der Hand zu weisen war. Landesweit sahen sich die Personalabteilungen einer horrenden Anzahl von zu besetzenden Zahl ausgesetzt, auf meine Rückfragen hörte ich zwischen unterdrückten Schluchzern und röchelnden Kaffeemaschinen bisher nur die Bitte um noch ein wenig Geduld, sie würden sich schon bei mir melden. Einzig ein Bekannter meines Vaters ließ ausrichten ich könnte bei ihm anfangen, allerdings irgendwo im Südpazifik, sonderlich ernst nahm ich das nicht. Ich hatte ehrlich genug davon jeden Tag nur noch dieselben Gedanken von einer Hirnhälfte in die andere rieseln zu lassen wie Sand durch ein Stundenglas.
“Denk darüber nach, versprochen,” lenkte sie ein, drückte mit einen Kuss auf die Wange und entschuldigte sich zur Toilette. Meine Antwort ging im aufkommenden Applaus unter. Der Sänger bat soeben die Stiftungsvorsitzende an das Mikrophon. Gloria, deren Nachnamen ich gehört aber vergessen hatte, begrüßte neben den vertrauten, auch die vielen neuen Gäste, mit so fester Stimme, dass das anfängliche nervöse Zurechtrichten der Gürtelschleife an ihrem Kaschmirkleid sicher Teil des Auftritts war, und ganz besonders begrüßte sie ihren Ehemann, Aufsichtsratmitglied eines multinationalen Konzerns für Stellschrauben. Wie Tom über dem Dinkel-Pilz Risotto offenbart hatte, war ein unerhörter Anteil der Firmenaktien vor einigen Monaten an die Stiftung gewandert um eine bevorstehende Übernahme durch einen chinesischen Werkzeugkoloss doch noch abzuwehren. Die Stiftung war durch dieses Finanzdoping unbeabsichtigt von ihrem Splittergruppendasein erlöst und zu einem corpus cognito befördert worden. Ihre Anfänge lagen in einem Studienbuch der Zoologie das sich Gloria Anfang der Sechziger als Einschlaflektüre von einer Mitbewohnerin ihres Wohnheim auslieh und darin von Insektenarten erfuhr, die ohne männliches Zutun ihren deswegen ausschließlich weiblichen Nachwuchs zeugten, woraufhin sie mit einigen Soziologiekommilitoninnen eine feminisierte Gesellschaftsutopie entwarf, die Männer auch von ihrer letzten lästigen Daseinsberechtigung, der Artenerhaltung, entbinden konnte.
Eben diese Gründergruppe missbilligte die nun rasante Entwicklung der Stiftung allerdings gewaltig. Von zwei der vorderen Tische beäugten sie durch Kassenbrillen skeptisch wie Gloria mit einem Druck auf die kleine Fernbedienung in ihrer Hand den Grundriss eines eigens entworfenen Laborkomplexes an der Leinwand hinter ihr auftauchen ließ, der mit den Stiftungsgeldern im nächsten Jahr aufgebaut werden sollte. Zufallsentdeckungen wie zuletzt ein Hammerhai-Weibchen, das im Zoo von Nebraska ungepaart ein Jungtier gegen das Aquariumglas glitschen ließ, könnten in dieser Einrichtung durch strikte Geschlechtertrennung oder Kastrierung männlicher Artgenossen professionell provoziert werden. Die jungfräuliche Geburt könnte somit schon bald als weit verbreitete, völlig naturgegebene Fortpflanzungsvariante in der Tierwelt nachgewiesen werden, was die anstehende, notwendige Aufklärungsarbeit in der breiten Gesellschaft vereinfache. Eine eigene, allerdings nahezu repräsentative Umfrage hatte ergeben, dass bisher gerade neun Prozent der deutschen Bevölkerung von diesem Phänomen überhaupt wusste.
Die folgenden Folien konzentrierten sich nun zunehmend auf die Laboreinrichtung, insbesondere die frisch patentierten Stellschrauben, eingebaut in sämtliche Tanks, Käfige, Mikroskope, Labortische und Bunsenbrenner. Eigentlich ja noch gar nicht in Serie. Vielmehr auch ein Leuchtturm, eine Demonstration überlegener Beschaffenheit gegenüber dem ungeübten Auge vergleichbar erscheinender Ware chinesischer Herkunft.

Der Rest des Saales pflegte längst vornehmes Desinteresse. Die Hände der Gründerinnen allerdings richteten immer hektischer ihre Seidenschals. Als Gloria dann noch das globale und interdisziplinäre Franchisingpotential des neuen Superlabors zur Sprache brachte, regte sich an ihren Tischen Tumult. Zwischenrufe wollten von “Sell-Out”, “Verrat an der Idee” und “Schwesternfehde” wissen. Nach mehreren, immer weniger besonnenen Kontern, die den pädagogisch vorgesehenen Effekt zunehmend verfehlten, drohten Handgreiflichkeiten. An den anderen Tischen blitzen Handys, etliche Unverarschbare wollten in dem Radau einen inszenierten Flashmob erkannt haben, den es pflichtgetreu in ihre sozialen Netzwerke zu verbreiten galt.
Schließlich einigte sich die Gründergruppe auf einen uniformen, lautstarken Abmarsch, quer durch den Saal zu den einzig offenen, hinten gelegenen Ausgängen. Besonders Mutige zupften vereinzelt an den Ärmeln vorbei eilender Protestierender und fragten hingerissen, welche Agentur wohl hinter dieser Kampagne steckte, mit der sich die Stiftung so effizient in der Außenwahrnehmung von ihren kruden Wurzeln zu lösen verstand.

Von irgendwoher tauchte auch Mark wieder neben mir auf.
“Wie du siehst wird es nicht langweilig.” Gut gelaunt rutschte er auf den Stuhl neben mir. Die schwarzen Haare wirkte inzwischen nicht mehr so professionell zerzaust. Sein Krawattenknoten hing seitlicher. Ob er noch in ein Handgemenge mit den Störenfrieden geraten war?
“Also, hast du dich entschieden?”, fragte er
Fuck it. Es musste wirklich was vorwärts gehen.
“Wir sehen uns am Montag”, sagte ich.
Er reichte mir die Hand zum symbolischen Vertragsabschluss. Ich schüttelte sie. Verbrüdernd zog er mich an seine Schulter. Ich stupste mit meiner Nase in seinen Kragen. Er roch nach Apfelblüte.
“Dann brauchen wir was zum Anstoßen, wenn Diana zurück ist,” sagte er.
“Ja”, antwortete ich schal. “Ich geh schauen wo sie ist.”
Ich fühlte mich wie auseinandergenommen und schlecht zusammengesetzt. Vereinzelte Schrauben lagen noch am Boden. Ich fand keine passenden Löcher. Meine Gelenke wirkten matschig beim Aufstehen, dieselbe Konsistenz wie der Schnee den kurz darauf meine Stiefelabsätze auf dem Gehsteig mit rauchigem Schaben zerdrückten, das auf den geräumten Treppen in ein taktloses Klopfen überging und schließlich im Rauschen der einfahrenden U-Bahn ertrank.

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