Buch 3: Der Tokio-Montana Express

Ausser Lebensläufe kurz vor dem Studienabschluss stehender Studenten gibt es nichts, was die Vernunft so hartnäckig jagt wie Geld. In einem pedantischen Kreuzzug gegen ihren Nemesis Vergnügen umgarnt sie ihre Opfer mit Sirenengesängen von einer Welt voll finanzieller Sicherheit und erhebt es zur Kapitalsünde, Dinge zu besitzen ohne diese zu benutzen. “Fühlst du dich denn jemals trauriger als beim Öffnen des eigenen Schranks voll ungetragener Kleidung?”, manipuliert sie dann. “Übertreffen die Schmerzen beim Anblick des verstaubten Heimfitnesstrainers nicht jeden Muskelkater, den dieser verursachen könnte? Und versinkt dein hart erarbeiteter Sozialstatus nicht im Treibsand der Borniertheit, wenn du bei der nächsten Grillfeier auf eine unschuldige Frage eingestehen müsstest, die meisten der aufgereihten Bücher erst noch lesen zu wollen?”
Besser gar nicht erst den Laden betreten, wenn es nach der Vernunft geht.
Zumindest bei der Literatur habe ich ein Abwehrschild gegen die ungepflegten Fingernägel der Vernunft gefunden, mit denen sie sich vor jedem Buchladen in meinen Unterarm krallen und einimpfen will: Den Tokio-Montana Express von Richard Brautigan.
Veröffentlicht Ende der Siebziger ist er längst außer Druck und eine mir noch fehlende, angeblich höchst lesenwerte Sammlung von Kurzgeschichten des “letzten Beatniks und ersten Hippies”. Seit Jahren nutze ich es als Ausrede, nahezu jeden Laden zu betreten, dessen Schaufenster die zärtliche Vereinigung von Papier und Heißkleber auslobt.
“Stell dir nur vor, liebe Vernunft”, sage ich dann zu ihr, “nach all den Anstrengungen, all den Fehlschlägen, all dem bedingungslosen Einsatz und ungebrochenem Willen den ich gezeigt habe, willst du mir da die Chance verwehren, hinter diesen Eingangstüren ein verfleddertes Restexemplar des Tokio-Montana Express zu finden und meine Bemühungen endlich zu belohnen?”, und nutze ihr kurzes Zögern um mindestens die nächste halbe Stunde den ein oder anderen neuen Zimmergenossen auszusuchen während sie draussen mit ihren epistomologischen Reißzähnen knirscht.
Die Chance, tatsächlich mal meinen Weg mit dem inzwischen standardisierten, ersten Blick kurz vor dem C in der Romanabteilung bereits beenden zu müssen, dürfte englische Buchmacher die Endlichkeit der Excel-Charts erkennen lassen, auf denen sie ihre Quoten führen. Spätestens nachdem ich in Brautigans Heimatstadt San Francisco jeden auffindbaren used book store betreten habe und bestenfalls immer nur Trout fishing in Amerika, Revenge of the lawn und A confederate general from Big Sur begegnet bin. Der Tokio-Montana Express wird eine ewige Lücke in meinem Bücherregal bleiben, die literarische Helena einer bibliophilen Odyssee, mein unvernünftigstes und eindeutig mein Lieblingsbuch. Und ich behaupte mal frech, Brautigan hätte das gefallen.
Montana, werter Herr Kaal! Da sagen Sie was …
http://www.youtube.com/watch?v=rzPUZwev7V8
Herzlich
Ihr Erdge Schoss
Zahnseide, werter Herr Schoss, kann man ja auch gar nicht überschätzen.
Sie wissen schon, dass es da dieses neue Ding gibt, Internet, oder so, heißt es. Und Seiten wie Abebooks…
Ach, an mein Herz, Kaal! Sollte ich es je sehen, ist es Dein.
Hoppelherz, Abebooks kannte ich doch tatsächlich noch nicht, aber dann müsste ich mir ein neues, vergriffenes Buch raussuchen. Ne, da ignoriere ich die Seite dieses eine Mal lieber.
Scholli, viel Spaß beim Stöbern. Ist spannend, was man dabei so alles findet.