Personen:
Karl Marx, Philosoph
Nikolaj Federov, Bibliothekar
Konstantin Ciolkovskij, Physiklehrer
Aleksandr Bogdanov, Arzt
Valerian Murav’ev, Adeliger
Bram Stoker, Schriftsteller
Ein Keller irgendwo in Russland, irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Karl Marx beendet soeben einen Vortrag seiner Theorien. Die Zuhörer donnern ihre Knöchel auf den Tisch, der ein oder andere sogar mit beiden Händen. Vermutlich ist das Klare in den Gläsern kein Wasser.
Marx klopft die Vortragsblätter zusammen und geht.
Federov: Großartig! Einfach großartig. Russlands Zukunft, wage ich zu behaupten.
Bogdanov: Das neue Russland auf deutsches Fundament gebaut?
Murav’ev: Und den Pöbel herrschen lassen? Ich weiß ja nicht.
Federov: Dann bauen wir uns eben eine eigene Theorie darauf auf. Nastrovje!
Begeistertes Nicken. Gläser klirren aneinander.
Federov: Brainstorming, meine Herren. Worauf können wir uns von dem eben gehörten einigen?
Bogdanov: Religion muss weg.
Murav’ev: Ja, Gott muss weg. Wir sind nur Materie.
Federov: Alle Menschen sind gleich.
Murav’ev: Manche aber gleicher als andere.
Federov: Na, da kommt ja schon einiges zusammen.
Stoker: Ich will ja kein Spielverderber sein, aber die ganze Welt mit einer einzigen Wahrheit zu erklären ist eine Erfindung der Religion. Bloß eine neue Wahrheit dagegen zu setzen ist kein Abschaffen, das ist ein Ersetzen.
Federov: So? Können Sie das auch mit Quellen belegen?
Stoker: Nun, nicht auswendig und so spontan.
Federov: Schlecht vorbereitet also. Na, oben in der Bibliothek liegt eine Bibel. Holen Sie die doch mal eben.
Stoker verlässt den Keller. Federov springt auf und verschließt die Tür.
Stoker pocht von außen an die Tür: He!
Federov: Den wären wir los. Weiter, was haben wir noch gehört?
Keiner sagt etwas.
Ciolkovskij: Schaut doch einer mal ins Protokoll. Wer hat geführt?
Stoker: Hehehe. Zerreißt das Protokoll hinter der Tür.
Bogdanov: Wir könnten Bluttransfusionen machen. Um gleicher zu werden. Und wenn wir uns mit dem Blut von Jungfrauen austauschen, werden wir länger leben und die werden dabei schlauer.
Murav’ev: Aber was ist mit den Toten? Müssen wir die dann nicht wieder erwecken? Um gleich zu sein.
Bogdanov: Daddy Issues, mein guter Valerian?
Federov: Da wir ja nur Materie sind, muss das doch möglich sein.
Bogdanov: Das wird dann aber ganz schön eng hier.
Ciolkovskij: Wir können Raketen bauen und andere Planeten besiedeln.
Stoker (von außen): Unsterbliche Überwesen, die durch die Luft fliegen und Blut trinken? Ihr habt doch einen Knall.
Federov: Ach geh doch ein Buch schreiben. Erhebt sein Glas. Auf das neue Russland.
Alle: Nastrovje!
[Aus dem Klappentext: Um 1900 entwarfen russische Autoren radikale Projekte einer totalen Umgestaltung des Lebens, vor deren Hintergrund heutige Biopolitikdebatten geradezu bescheiden wirken. So ersann Fedorow das "Projekt der gemeinsamen Tat", dessen Ziel es war, mittels moderner Technik alle Toten künstlich auferstehen zu lassen; die "Biokosmisten" proklamierten den Kommunismus als Weg zur Erlangung der Unsterblichkeit und Tsiolkowski, der Vater des sowjetischen Raketenprogramms, hatte die Vision, andere Planeten mit auferstandenen Menschen zu bevölkern. Der Band stellt diese und andere biopolitisch-utopischen Entwürfe vor und veranschaulicht die hierzulande kaum wahrgenommene ideologische Komponente der kommunistischen Weltanschauung, die bis in die postkommunistische Gegenwart wirkt.]

Jaja, die waren schon verwegen da zu der Zeit.
“Ciolkovskij: Schaut doch einer mal ins Protokoll. Wer hat geführt?
Stoker: Hehehe. Zerreißt das Protokoll hinter der Tür.”
Mein Lieblingsteil :D! Ich sag nur “Hehehe”!
Dieser Marx, werter Herr Kaal,
hat der nicht bei Karl-Marx-Stadt gespielt?
Herzlich
Ihr Erdge Schoss
Alles Kinderfasching heute, Mademoiselle Scholli
Und dabei heisst es doch “wer schreibt, der bleibt”, Mademoiselle Erica
Erfolglos, Herr Schoss. Deswegen wurde er Trainer.