Spaßgesellschaft (2)
Eines Tages stellte dann unsere Kleinstadt einen Skatepark an den südlichen Waldrand. Wir waren damals 14 oder 15 Jahre, jedenfalls bevor das an der Supermarktkasse vorzeigbar war, und weswegen das für uns auch eine wuchtige Angelegenheit war, mit einer stabilen Halfpipe und weiter hinten ein paar Betonboxen und metallverstärkte Kanten. Wir schnalzten die Bretter praktisch täglich im Takt der übersteuerten Bässe aus Bernhards Ghettoblaster über den Asphalt bis mir Abends die Handgelenke schmerzten trotz der Schoner. Und dazwischen, wenn die Sonne richtig hochlief, hockten wir auf der Halfpipe und aßen, anfangs noch Toastbrot, aber der Schweiß aus unseren Händen durchweichte das furchtbar schnell, ganz egal wie oft wir uns die Finger an den T Shirts abwischten, die ja auch klitschnass waren vom ganzen Üben, und wir wechselten dann schnell zum festeren Graubrot.
Und zu eben so einer Pause kam dieser Typ das erste Mal vorbei, sein grauer Pferdeschwanz von einem fleckigen Haargummi zusammengehalten und beige Sandalen mit Schweißfüßen drin, die ungelogen bis zu uns hoch stanken, so ein süßlicher Muff, der sogar durch Qualm der Zigaretten drang, die wir pafften. Direkt quäkte er los, was für Faulpelze wir wohl wären, und er, in unserem Alter, er war protestieren, Häuser besetzen und die da oben aufrütteln. Und wir, wir lassen uns jetzt von denen mit Spielplätzen stummkriegen. Wir wären einfach nicht Anti genug.
Die Kauzerei dauerte keine Minute, weswegen wir uns zunächst nichts dabei dachten. Ab da tauchte er aber öfter auf. Er wurde auch immer abstruser, wir und unsere HJ-Frisuren verschuldeten inzwischen nicht nur für den Hunger in Afrika und den Jugoslawienkrieg, wir bekamen auch den sauren Regen mit Waldsterben auf unsere schlaksigen Schultern geladen – ganz zu schweigen vom Ozonloch, das wir am liebsten wohl weiter aufreißen würden, um unsere unsolidarischen Plautzen stärker zu bräunen. Uns ging der Kerl inzwischen unfassbar auf den Sack, wir hatten schließlich Ferien und so einen Dummsülz brauchten wir da echt nicht. Wir beschlossen, ihm mal heimlich zu folgen, uns in seinem Garten etwas Anti aufführten. Mal schauen, wie ihm das gefiel.
Daraus wurde allerdings nicht, weil Vater irgendwie auch alles mitbekam. Wir sollen uns mal noch zurückhalten, sagte er, alten Hunden bringe man nun mal keine neuen Tricks mehr bei. Und zwei Tage später nietete er mit uns eine Metalltafel an das Gerüst der Halfpipe. Ein Freund hatte sie ihm angefertigt und in schwarzen Großbuchstaben allerhand halbseidene Verbote drauf gedruckt, NICHT ESSEN, NICHT RUMMÜLLEN, KEINE MUSIK, NICHT RAUCHEN und HIER BLOß NICHT RUMLUNGERN und rechts unten das alles signiert mit DIE STADTREGIERUNG.
Als die Nervensäge tags darauf wieder ansandalt kam, da bemerkte er tatsächlich sofort die Plakette. Er ruckelte an seiner Nickelbrille und zog dazu die Oberlippe hoch, half wohl das Ding zu lesen oder was weiß ich, und wir gaben ihm erst mal etwas Zeit, lehnten uns betont lässig an das raue Holz der Rampe und kauten unsere Brotzeit, als wäre nichts. Markus setzte dann dem ganzen noch die Krone auf, er warf sein Brot achtlos hinter sich auf den Platz, schnappte sich eine Zigarette, und fragte mal, was denn so anläge. Der Typ sah schließlich wieder zu uns hoch und fing doch tatsächlich das Grinsen an, übers ganze Gesicht, ich hätte mein Brett drin parken können, quer. Offenbar waren wir jetzt Anti genug. Wir warteten weiter, aber er drehte sich einfach so um und verschwand, und das war dann auch überhaupt das letzte, was ich je von ihm gesehen habe, ein grauer Pferdeschwanz, der wie ein abgespultes Jo-Jo nur noch leicht auf und ab hüpfte. Im Laufe des Sommers sahen wir dann immer wieder die Spaziergänger lächeln, wenn einer von uns sich sonnte und dabei die Beine lässig über das Schild baumeln ließ, und auch deshalb schworen wir uns, nur so schnell wie möglich von hier wegzuziehen.
I <3
"alten Hunden bringe man nun mal keine neuen Tricks mehr bei"
Wird sofort gemerkt! :)
Der war noch nicht bekannt? Wenn mir mal wieder der Content ausgeht, dann veröffentliche ich mal ne Liste mit den Lebensweisheiten meines Vaters, da sind so einige gute dabei.
Wie, werter Herr Kaal?
Das Ozonloch geht nicht auf Ihre Kappe?
Herzlich
Ihr Erdge Schoss
Als alter Revoluzzersack grinse ich jetzt auch mal breit, halte einfsch meine Klappe und ziehe weiter … ;-)
Zugegeben habe ich zu der Zeit meine Kappe gerne mal mit Haarspray verklebt, also irgendwie schon.
Das freut mich zu hören Phil. Ich hoffe auch sonst gibt’s heute noch ein paar Gründe zum Grinsen für dich.
Ich hab schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr so etwas gutes und unterhaltsames gelesen.
Wow, dank dir.
Ich vermisse solche Sommer – als Jugendlicher gab es echt nichts schöneres als rumzulungern… *seufz*
Geht Schnee, kommt lungern. Oder so.
der gute alte skatepark. sauber!
Kein Vergleich mehr zu dem, was sich da heut so rumtreibt.