Je näher der der Firmenlauf rückte, desto weiter entfernte ich mich von der Ziellinie. Ich trainierte zwar treu den Trim-dich-Pfad weiter, aber mein Knie klopfte ein ums andere mal und mit der Beharrlichkeit eines Vorwerkvertreters an meine Rezeptoren. Ich versuchte den Schmerz zu ignorieren, aber daraufhin griff es sich ein paar Nervensträngen und peitsche auf meine Großhirnrinde ein bis ich schließlich doch nachgab und den restlichen roten Kiesweg wieder zum Auto zurück schlenderte. Ich war es leid.
Tags darauf also machte ich mich nach der Arbeit zu einem der großen Sportgeschäfte auf und fuhr mit der Rolltreppe in die Joggingabteilung. An die ganze Wand hingen kleine Plexiglasbretter auf denen je ein einzelner Schuhe stand. Kauf einen Schuh und schon bald kannst du wiederkommen und auf den leere Sims deinen Pokal stellen, oder so ähnlich.
Schnell hatte ich einen Verkäufer an der Seite, so um die Vierzig und mit leichtem Bauchansatz unter dem T-Shirt, aber das machte nichts, die smaragdgrünen Streifen an den Turnschuhen die er trug funkelten dermaßen sportlich, dass sie selbst seinen tiefen Geheimratsecken aerodynamische Gründe verliehen. Ich schilderte ihm meine Lage. Er unterbrach mich selten, stellte nur für einige Präzisionsfragen – auf welchem Untergrund ich denn laufe, und wie oft ich mir das denn antue und warum überhaupt. Dazwischen tippte er sich mit dem Zeigefinger ans Kinn, dessen Nagel er kürzlich abgknipst, aber nicht gefeilt hatte.
“Also wir machen jetzt mal folgendes”, sagte er schließlich, und ich frage mich noch immer wie er das schaffte, normalerweise stößt mir dieses pädagogische wir fürchterlich auf. Bei seiner Stimmlage aber hatte es die Wirkung einer Badewanne voll warmen Wasser, in die ich mich entspannt zurücklegte. “Ziehen Sie mal Ihre Schuhe da aus und auch die Socken, und krempeln Sie die beiden Hosenbeine hoch.” Ich setzte mich auf einen der mit weißem Stoff bezogenen Hocker und tat wie geheissen. Das Resultat wirkte äußerst dämlich an mir.
“So und jetzt kommen Sie mal mit,” sagte der Verkäufer.
“Gehen wir jetzt rüber in die Angelabteilung”, fragte ich, aber mein Humor fruchtete nicht, ich erntete nur drei Wimpernschläge lang betretenes Schweigen von ihm.
Er führte mich an ein Laufband auf dem ich bei graduell steigendem Tempo in der nächsten Minute noch mein restliches Selbstwertgefühl verlor. Anschließend zeigte er mir auf einen Bildschirm meinen nackten Füße beim Laufen, Fleisch auf Schwarz und in Grossaufnahme.
“Also der Rechte,” erklärte er mir und verlangsamte den Bildfluss, “da läuft alles ganz wunderbar. Beim linken Fuss allerdings, da sehen Sie, hier, der knickt nach innen ab, unter dem Knöchel sobald Sie ihn aufsetzen.”
“Hm.”
“Daher kommen die Probleme in ihrem Knie. Beim Laufen wird es da ständig falsch beansprucht und nach einer Weile stellt sich eben der Schmerz ein. Was sie da haben, ist Pronation.”
“Obwohl ich den Dienst an der Waffe verweigert habe?” Aber es war sinnlos.
“Also das da ist nichts dramatisches, zum Orthopäden muss ich Sie da nicht schicken, mit dem richtigen Schuh bekommen wir das sicherlich hin. Gehen Sie schon mal zurück, ich bin dann gleich wieder bei Ihnen.”
Er schaltete den Bildschirm aus. Ich ging zu meinen Schuhen zurück und kruschte die Socken heraus. Ich stellte fest, dass mich diese Diagnose nicht sonderlich störte, auch wenn ich sonst nicht so bin, als ich seinerzeit das erste mal im Bad vor dem Spiegel stand und mein frisch gebrochenes Schüsselbein begutachtete, dessen Knick sich deutlich unter der Haut abzeichnete, fand ich mich gleich darauf mit Schweißausbrüchen auf dem Toilettendeckel sitzend wieder. Als ich mich soweit gefangen hatte, schaltete ich erst mal das Licht aus, um jeden möglichen Blickkontakt beim Zähneputzen zu vermeiden. Meine Reaktion auf diese genetische Volkskrankheit war es hingegen, mir meine Socken wieder anzuziehen.
Der Verkäufer kam wieder zu mir rüber.
“Hier, probieren sie die mal an, und dann schauen wir noch mal.”
Schon beim ersten Blick auf das anmutende Paar Hässlichkeit in dem Karton wußte ich, ich würde es kaufen. Vor mir offenbarte sich die schuhgewordene Stillosigkeit. Klobig war gar kein Ausdruck für diese eckenlosen Quader die auch farblich von Stonehenge inspiriert schien. Hier war zweifelsfrei ein funktionaler Maschinenbauerverstand am Entwickeln gewesen und kein Marketingdesigner mit dem Hintergedanken, sneakervernarrte Kids könnten die Dinger scharenweise aus den Läden stehlen und dadurch zum Modeobjekt der kaufkräftigen Masse machen.
Ich absolvierte eine weitere Runde auf dem Laufband und betrachtete anschließend mit einem lächelnden Verkäufer neben mir die harmonische Symmetrie meiner Füsse auf Video. Ohne zu zögern zückte ich meine EC-Karte.
Noch am selben Abend war ich wieder auf dem Trim-Dich-Pfad. Das Knie meckerte noch etwas, aber der Unterschied war enorm. Ich unterbot meine bisherige Steckenzeit um satte zehn Minuten. Wenn ich meine Zeit weiter so reduzieren könnte, dachte bei mir auf der Heimfahrt, würde ich am Ende für die Strecke ja vielleicht gar keine mehr benötigen.
Eine sehr gute Entscheidung! Ab jetzt lieben dich deine Füße und Knien (noch) mehr. ^^
Aber ob du Lichtgeschwindigkeit erreichst… bei mir hat’s nicht geklappt.
Super, bester Herr Kaal. Trainieren Sie noch ein bisschen und bringen Sie die Botten mit nach Berlin, dann laufen wir den Marathon.
Herzlich und oh Gott, was sag ich da nur
Ihre FrauvonWelt
Jetzt fehlt zum vollständigen Jogging-Happy-End nur noch das Bild der Schuhe!
Also, Kaal, bitte zeige uns doch das Prachtexemplar nichtganzorthopädischer Knieheilkunst.
Mone, Hauptproblem ist natürlich, dass mir damit eine richtig gute Ausrede abhanden gekommen ist, den Blödsinn sein zu lassen.
FrauvonWelt, das machen wir. Mein Flieger geht Sonntags glaub ich um drei zurück? Wann ist der Start? Viel Zeit bleibt dann wohl nicht, aber die reicht uns doch allemal.
Andi, ne ne, du. Sonst find ich demnächst noch das Bild verpixelt in einem Revolverblatt unter der Überschrift “Sexualtäter betäubt Opfer mit Fussscheiß” oder ähnlichem Blödsinn ;)
Frei nach Einstein, werter Herr Kaal, können Sie auch solange warten, bis das Ziel zu Ihnen kommt.
Herzlich
Ihr Erdge Schoss
Was für eine Idee werter Herr Schoss. Mal schauen: Die Erde rotiert mit 400 km/s. Die Strecke ist sieben Kilometer lang. Da muss ich gerade mal 17,5 Sekunden aus der Atmosphäre springen bis das Ziel dann direkt unter mir ist. Ein Kinderspiel. In jeder Hinsicht.
Dann läufst du also im September nach Berlin?
Stell bloß keine Umfrage ins Blog, welcher Schuh der beste für Dich wäre. :)
Johanna, nach, durch, über, daran vorbei, was auch immer, hauptsache wir treffen uns dabei.
MC, aight :)