Träume, Triebe, Trash

July 28th, 2009 § 0

“Letztens also war ich auf einer Bloglesung in München. Kam natürlich später als auf dem Plakat gefordert, was aber nichts machte, da die Uhr des Grand Maître des Lectures wie immer nach Greenwich Time lief. Ich verpasste nur die freien Sitzplätze in dem Laden, dessen Klimaanlage müde anröchelte gegen die schwüle Luft der Stadt, so heiß und feucht als litt die Isar jetzt selbst an Blähungen wegen der Kolibakterien im Wasser.
Weiter hinten erspähte ich zumindest einen Fenstersims, gut einen halben Meter tief, und so saß ich dann doch noch mit guten Blick auf die Bühne. Allein konzeptionell war es ja schon spannend, multimedial nämlich. Das Lesepult war an der Seite aufgebaut, und in der Mitte hing eine dieser public-viewing Leinwände, wie sie seit der WM so verbreitet sind. Links am Rand befand sich noch dazu ein DJ-Pult, direkt unter der Tafel, die kreideweiß auf blau das Bier des Monats und freies WLAN mit dem Passwort Zensursula verkündete.
Deef, der das alles so weit ich weiß organisierte, las auch als Erster. Der DJ füllte dazu den Raum mit elektronischer und basslastiger Musik (eigentlich ja weniger mein Fall) und die Leinwand mit einem visuellen Cocktail von Filmszenen, Nachrichtenbildern und Youtube, die rehe-auf-landstrassengleich nur kurz im Blickfeld verharrten und direkt wieder verschwanden und noch bevor ich soweit war den großen Augen meines inneren Kindes die Kritikerbrille vorzuhalten war er auch schon fertig. Der Applaus zumindest zeigte mir, dass ich nicht der Einzige war, den das recht beeindruckte.

Foto: Deef (cc)

Foto: Deef (cc)


Als nächster folgt dani L. mit einem Wortblumenstrauß aus Stilblüten, die sein Kunststudentenblick auf den durchzechten Nächten und beim Einkaufen entdeckt und mit einer Art ektoplasmischen Seemannsgarn zusammengebunden hat und dann Violett von Rosenweiß, und was soll ich sagen, gäb es sie auf Dauerbetrieb, könnten wir mindestens eins der Münchner Kernkraftwerke abschalten, so viel Energie rauschte bei ihrem Auftritt durch den Raum.
Die Pause, hier ausnahmsweise mal viel zu kurz, reichte gerade so um kurz mit jedem der Dreien ein paar Worte zu wechseln, danach ging es dann schon weiter erst lyrisch mit Tobias Heitzer und zum Abschluss noch poetry-slammig mit Felix Bonke, und wenn ich hier nicht viel drüber berichten kann lag das sicher nicht an denen, sondern an dem vielen Bier, mit dem ich die Klimaanlage ersetzte, aber alles in allem eine tolle Veranstaltung und ich freu mich drauf, dass Deef das jetzt regelmäßiger steigen lassen will, und natürlich auch darüber, wieder ein paar benachbarte Blogger kennengelernt zu haben,” schließe ich meinen Bericht.

“Ich muss leider sagen, ich bin enttäuscht.” In der Stimme meines Psychiaters schwingt echte Betroffenheit mit. Knirschendes Leder verrät mir, dass er sich auf seinem Sessel bewegt. Vielleicht überschlägt er die cordbehangenen Beine oder er sucht den Kontakt zwischen seinem weißen Hemd und der Rückenlehne. Natürlich schaffe ich es nicht zu ihm hinüberzublicken sondern betrachte weiter die Decke über dem abgenutzten Sofa, auf dem ich liege. Klar, kalt und kalkhaltig präsentiert sie sich mir durch die Luftlöcher meiner Vorgänger.
“Wir waren uns doch einig diese virtuellen Bekanntschaften aus ihrem Leben zu streichen und uns statt dessen unter real existierende Personen zu begeben”, sagt er. Ich höre es leise kratzen. “Ich verschreibe Ihnen weiter Tofranil. Eine höhere Dosis.”

Draussen marschiert ein Wald vorbei. Eine Kastanie blickt neugierig durch das offene Fenster hinein. Aus ihrer Krone purzelt ein Vogelnest und als es auf den Linoleumboden schlägt, fällt ein Ei hinaus, dessen Schale mit der sanften Bewegung eines Sonnenuntergang einknickt. Heraus krabbelt ein Waschbär der eine grüne Filzweste trägt. Ausserdem eine halb leere Bierflasche. Ich vermute aus einem Kinderkrämerladen. “Also für das Zimmer zahl ich nichts,” sagte er während er sich letzte Eierschalenreste aus vom Kopf bürstet. Dann schlendert er gemächlich zur Tür die ins Wartezimmer führt, dreht sich aber kurz davor noch einmal um. “Das letzte sehenswerte Drama,” sagt er zu mir, “das war doch als das Wahre das Schöne besiegte und sich zum Richtigen krönte.” Darauf hin erstarrt er zu einem Papierkorb.

§ No Responses to “Träume, Triebe, Trash”

  • MC Winkel says:

    Eine multimediale Lesung – whouw!
    Wann liest Du denn da mal mit, Herr Kaal?

    Und: wie wirkt Tofranil so?

  • Scholli says:

    Kaal, my Dear, ich wollte nur mal gesagt haben: Ich mag sehr wie Du schreibst.

  • Kaal says:

    MC, Tofranil und Lesung ist wohl eine entweder-oder Entscheidung. Ich zögere noch :)

    Scholli, extra den Urlaub unterbrochen und dann im Spam-Ordner gelandet. Welche Frechheit sich WordPress da erlaubt. Und vielen lieben Dank dafür.

  • dani L. says:

    mit ein wenig gefühl lässt sich da schon der eine oder andere einfluss rausfiltern, auf jeden fall aber ein schöner text…ich geh ma blumen pflücken und stilblüten bestäuben, vielleicht trifft man sich ja beim nächsten mal, falls du dann grad tofranilpause machst

  • Erdge Schoss says:

    Grüne Filzwesten, werter Herr Kaal, sollen wieder schwer im Kommen sein.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  • Kaal says:

    dani, sammel mal, wir sehen uns wohl demnächst so und so.

    Herr Schoss, antizyklisches Shopping und eine große Lagerfläche, das sorgt für eine modebewusste Erscheinung bei gleichzeitig gefülltem Geldbeutel.

  • Anton says:

    also ich hätte da nicht ausgehalten wo es so warm war und schwüll auch noch. Klimaanlage war auch noch defekt.

  • Kaal says:

    Wo es nicht dreckig ist, kann es auch nicht gut sein ;)

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