“Letztens also war ich auf einer Bloglesung in München. Kam natürlich später als auf dem Plakat gefordert, was aber nichts machte, da die Uhr des Grand Maître des Lectures wie immer nach Greenwich Time lief. Ich verpasste nur die freien Sitzplätze in dem Laden, dessen Klimaanlage müde anröchelte gegen die schwüle Luft der Stadt, so heiß und feucht als litt die Isar jetzt selbst an Blähungen wegen der Kolibakterien im Wasser.
Weiter hinten erspähte ich zumindest einen Fenstersims, gut einen halben Meter tief, und so saß ich dann doch noch mit guten Blick auf die Bühne. Allein konzeptionell war es ja schon spannend, multimedial nämlich. Das Lesepult war an der Seite aufgebaut, und in der Mitte hing eine dieser public-viewing Leinwände, wie sie seit der WM so verbreitet sind. Links am Rand befand sich noch dazu ein DJ-Pult, direkt unter der Tafel, die kreideweiß auf blau das Bier des Monats und freies WLAN mit dem Passwort Zensursula verkündete. Deef, der das alles so weit ich weiß organisierte, las auch als Erster. Der DJ füllte dazu den Raum mit elektronischer und basslastiger Musik (eigentlich ja weniger mein Fall) und die Leinwand mit einem visuellen Cocktail von Filmszenen, Nachrichtenbildern und Youtube, die rehe-auf-landstrassengleich nur kurz im Blickfeld verharrten und direkt wieder verschwanden und noch bevor ich soweit war den großen Augen meines inneren Kindes die Kritikerbrille vorzuhalten war er auch schon fertig. Der Applaus zumindest zeigte mir, dass ich nicht der Einzige war, den das recht beeindruckte.
Da meine Vorhaben, das Bücherregal nicht noch weiter wachsen zu lassen, sich ebenso unerwartet wie erfreulich zum Bumerang entwickelte, und hier vermutlich* gerade mehr los sein dürfte, führe ich das auch weiter und werfe direkt wieder mein frisch ausgelesenes Buch in die Runde. Einfach in den Kommentaren Bescheid geben und ich schick das Buch. Wenn sich mehr als Eine(r) meldet, werde ich wieder mein spontanes und hochgradig subjektives Vergabeverfahren einleiten.
*der Stammleserschaft dürfte aufgefallen sein, dass ich hier seit Tagen öfter das Outfit wechsle als ein Vierzehnjähriger vor seiner dritten Verabredung. Hinter den Kulissen sieht es durch das letzte Update noch schlimmer aus, an eine brauchbare Statistik ist da nicht zu denken. Deswegen hab ich jetzt erst mal ein Theme genommen, dessen Hässlichkeit mich schnellstmöglich zum Handeln zwingt.
“Meldest du dich auch für den Firmenlauf an?”, fragte meine Kollegin über den Schreibtisch.
“Nein,” sagte ich. “Laufen find ich stinklangweilig.” Ich wand mich wieder meiner Arbeit zu, der Ironie wohl bewusst.
“Melden Sie sich auch für den Firmenlauf an?”, fragte der Kollege, mit dem ich morgens zur Arbeit fahre, weil die S-Bahn schon wieder seit zehn Minuten im Grünen stand.
“Nein. Durch das viele Skaten früher sind meine Knie zu kaputt,” sagte ich und wir kramten in unseren Small-Talk Täschchen nach anderen Themen.
“Ui, der Firmenlauf”, sagte mein Chef tags darauf, “das wird ein Spaß fürs Büro.”
Zwei Tage später fand ich meine Startnummer in der Hauspost.
Abends zog ich meine alten Turnschuhe an und fuhr zu einem Trimm-Dich-Pfad in der Nähe. Auf den Kieselsteinparkplatz, an dem der Weg anfing, stand nur ein einsamer blauer Kombi, dessen Besitzer gerade als ich auffuhr das linke Bein in den offenen Kofferraum streckte und sich wippend darüber beugte. Er war ein hagerer Mittvierziger mit grauen Schläfen, trug eine schwarzer Jogginghose und ein grünes T-Shirt, auf das der Schweiß ein dunkles Rorschachmuster gezeichnet hatte. Beim Dehnen massierte er seine Wade, so zärtlich, dass ich mir beim Zuschauen fast wie ein Spanner vorkam. Trotz dem Stoff darüber konnte ich erkennen, dass seine Schenkel die bestgepflegtesten Stücke seines Körpers waren, auf ein Niveau hochtrainiert, auf dem sie ihm sein Sozialleben wohl ziemlich versauten. “Ins Kino mit deinen Kumpels?”, hatten sie wahrscheinlich noch vor ein paar Stunden gesagt und dabei die Wadenhärchen gesträubt. “Wir sollen den Abend also reglos im Dunklen verbringen und dabei verkümmern und Falten werfen nur weil es dir gerade so passt?” Also hatte er abgesagt und war hierher gefahren.
Der Regen hatte den roten Kies des Weges schwer und unbeweglich gemacht und die Bäume am Rand nass und dunkel. Es roch modriger als in jeder Umkleide, durchaus passend also, aber das machte nichts besser. Seufzend lief ich los. Schon nach dem ersten Schritt war mir langweilig.
Schneller als erwartet merke ich dann auch meine Knie. Seit einiger Zeit schmerzten sie zunehmend wenn ich längere Strecken lief. Einige Freunde von mir, die Joggten um ihr Gewissen zu beruhigen ohne deswegen einen vernünftigen Sport betreiben zu müssen, rieten mir ständig zu mehr Lauftraining und speziellen Laufschuhen. Allerdings hielt ich nichts von einer monetären Lösung, selbst im Profisport taugt doch das beste Material auch nur für ein paar Zehntelsekunden weniger, ein lächerliches Preis-Leistungsverhältnis also. Und den Schmerzauslöser verstärken um ihn so zu bekämpfen? Nun ja. Da schob ich meine kaputte Knie doch lieber auf den Verschleiß und beließ es dabei. Das fiel für mich in dieselbe Kategorie wie Schokoeis mit Sahne nach Mitternacht. Ein Luxus, der mir durch ein gewisses Alter einfach zustand.
Ich versuchte es mit kleinen Schritten, die den Boden kaum verließen um die Belastung zu minimieren. Die Schmerzen in meinem linken Gelenk blieben allerdings, nicht sonderlich stark aber doch allmählich steigend. Ich variierte das Tempo eine Weile hin und her, musste wenig später jedoch einsehen, dass das auch nichts half und schlenderte schließlich den Weg einfach weiter. Joggen in dieser homöopathischen Dosis ließ meine Schmerzen tatsächlich abklingen und zielführend war es letzten Endes ja auch.
Dennoch: Als mich wenig später die grau melierte Ménage à trois auf ihrer nächsten Runde überholte und in den Sonnenuntergang davoneilte, verspürte ich zwar keinerlei Lust in ihren Schuhen zu stecken, aber zumindest mal anprobiert hätte ich diese Dinger doch gerne.