Ihr wollt es doch auch

Das hier ist der internationale Check-In. Den Nationalen finden Sie dort drüben.

Um sieben Uhr Morgens stehe ich ziemlich nutzlos am Münchner Flughafen. Die Nacht davor war lang oder kurz, je nachdem wie ich es betrachten will, auf jeden Fall ging der Plan gründlich schief, nur kurz auf der Geburtstagsfeier zu bleiben.  Um großes Aufsehen zu vermeiden imitiere ich einfach des Verhalten eines analphabetischen Thomas Cook-Herdentieres. Das professionelle Personal umhüllt mich sogleich mit einen Wattebausch aus Servicelächeln und passt diesen mit einer effektiven Eleganz einander zu, die selbst den FC Barcelona beeindrucken sollte. Sie denken sogar daran, dem Kapitän über Funk durchzusagen, er möge die Maschine doch bitte recht hart in Köln aufsetzen um mich wieder zu wecken.

 

Du bist also in Köln?

Im Schatten des Doms erreicht mich der Anruf eines Bekannten aus Düsseldorf. Ich hatte ihm vor ein paar Wochen versprochen mich rechtzeitig zu melden, damit wir uns dann sehen könnten. Jetzt darf ich mir anhören, rechtzeitig wäre ja wohl was anderes als “in der S-Bahn zwischen Flughafen und Hauptbahnhof”. Zumindest sorgt das Gespräch dafür, dass in der Landkarte aus Substantiven, nach der ich mich bisher orientierte (Treppe-Fahrkartenschalter-Geld-Fahrkarte-Treppe-Bahnsteig, etc.) erste Flüsse aus Verben zu verzeichnen sind und, glaubt man der Legende rechts unten, sogar Adjektive. 

Die Eigenwahrnehmung setzt allmählich ein: In Sakko, Hemd, Jeans und Sonnenbrille, in der einen Hand den Samsonite Rucksack und der anderen mein Handy gebe ich ganz den Yuppie, der nach der Aussage eines Kölner Freundes gestern Abend absolut fehl am Platz, ja hier  geradezu unerwünscht ist. Bevor also eine der Kunststudentinnen ihren Zeichenblock weglegt und versucht, den Schutzring von Zigarettenschnorrern um mich herum zu durchbrechen und mich die Domtreppen hinunterzustoßen, flüchte ich in den nächsten Starbucks.

 

Herr Kaal?

Die Ironie gibt sich als Meister des Ju-Jutsu: Nach dem Kaffee suche ich auf einem überdimensionalen Stadtplan hinter Plexiglas minutenlang nach der Strasse, in der das Hotel liegt in dem die Bloggerin mit dem schönen Namen ein Zimmer für mich reserviert hat. Schließlich stelle ich fest, dass die gesuchte Strasse direkt vor mir kreuzt und schon aufgeregt ihr Schild hin und her schwenkt. 

Im Hotel bemüht sich der Empfang sichtlich meine Reservierung zu finden, scheitert aber. Also klicke ich mich zu dem schönen Namen in meinem Handydisplay. Die schöne Stimme hat den Grund schnell parat: Ich bin im falschen Hotel, die Adresse von dem hier hat sie doch schon vor drei Tagen geschickt, das interessiert doch nun wirklich niemanden mehr. 

“Treffen wir uns erst mal. Hast du eine Idee wo?”

“Ich kenn hier nur den Dom.”

“Dann also da. Lässt du den räumen damit wir uns erkennen oder soll ich das machen?”

“Da gibts nen Starbucks. Treffen wir uns da.”

Zählt das schon als Rundgang durch die Kölner Innenstadt?

 

—–

Zehn Minuten später sehe ich die schöne Bloggerin. Auch ihrem Verhalten ist die letzte Nacht noch deutlich anzumerken und so wird unser nachmittäglicher Stadtrundgang zu einer Glanznummer der Improvisationscomedy, die wir anschließend in eine Truhe stecken, mit einem Schweigegelübde beschweren und im Rhein versenken.

 

Ihr wollt es doch auch!

Dank der Verspätung nahezu aller Protagonisten schaffen wir es am Abend gerade noch rechtzeitig in den Raketenclub, dem Prototypen eines Untergrundclubs bei dem die Erfinder nur noch die Alkohollizenz und das Schild am Eingang des Hinterhofs entfernen müssen um ihn in Serienproduktion geben zu können.

FrauvonWelt eröffnet die Lesung, poetisch menschlich. Es folgen 500Beine, der seine Textseiten auf eine Stratocaster aufzieht, der.grob, der seine Feinde souverän mit Kamasutratechniken besiegt, juf, der den Unterschied zwischen einem wahnsinnigen und einem Wahnsinnsamokläufer definiert, MC Winkel, der sich Gold im Freistil holt und am Ende dem schlichtweg grandiosen Victor Vaudeville.

Ausserdem war ich Kamerakind für whudat.de.

 

Lass mal nicht so rumnerden hier.

Nach der Lesung ärgere ich mich, kein Notizbuch dabei zu haben um mir all die Domains zu notieren, deren Inhaber ich noch kennen lerne. (Aber ich finde euch schon noch.) Da mir jegliches Zeitgefühl abgeht sitze ich im letzten Taxi, das den Abend verlässt. Angeblich ist es nach drei.

 

Also ja, ja ich doch auch.

Gegen acht Uhr morgens weckt mich ein Kater, der auf meine Stirn springt und seinen Schwanz auf meiner Zunge ablegt. Ich schalte den Fernseher ein und lande bei einer NDR Talkshow, deren Moderatorin soeben Ali Güngörmüs als Sternekoch trotz Migratinshintergrund vorstellt. Auf die Frage an das noch anwesende Promikollektiv, ob sie denn Feinschmäcker wären, betonen alle sofort ihre Vorliebe für die gutbürgerliche Küche, worauf Güngörmüs erklärt, seine Speisekarte führe die ja auch und außerdem isst er liebend gerne Currywurst, worauf dem Kollektiv auch sofort einfällt, wie gerne es ja selber Currywurst ist. Ich schubse den Kater mit einer Aspirin vom Bett, notiere mir “NDR-Talkshows sind Reflexzonen der politischen Korrektheit” in mein Moleskine und flüchte beschwingt von meinem poetischen Frühsport unter die Dusche.

 

Das ist jetzt nicht wahr!

Die schöne Bloggerin verschläft den Check-Out, was ihren Charme jedoch vor keine große Herausforderung stellt. Die leeren Kannen am Frühstücksbüffet füllt dieser jedoch nicht wieder auf. Würmer gibt es zwar, wann immer es regnet, aber nur der frühe Vogel plantscht heute in einem Porzelanbad voller Kaffee.

 

Es war mir ein Fest.

sagt die schöne Bloggerin zu mir, als sie wenig später in ihren Zug steigt. 

 

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

0 comments

  1. Trackback: erdgeschossrechts
  2. ChliiTierChnübler

    “poetischen Frühsport”

    So habe ich das noch nie betrachtet. Gibt der Poesie eine ganz neue Bedeutung. Ich muss auch wieder poesieren, oder so… Risotto hat es ja noch mehr als genug, das gerührt werden muss.

  3. Pingback: tod eines zu mittag speisenden » bis in die haarspitzen euphorisiert
  4. Andi

    Schön geschrieben, Herr Kaal.

    Solltest du mal ein wenig länger in der Domstadt verweilen, das physikBlog lädt gerne zum Kaffee ein! ;)

  5. Die DiVa

    Mein vorerst letzter Kommentar werter Herr Kaal, und wenn sich den einer verdient hat, dann Sie. Ich danke Ihnen von Herzen, für diesen wunderschönen rührenden Text, der es vermochte mich für einen Moment zum Lächeln zu bringen, für die nicht ganz stolperfreie Komödie in der Kölner Altstadt und das gemeinsame Katern.

    Herzlichst und auf Bald

    Ihre DiVa

  6. Kaal

    Chnübli, ja bitte. Mach mal wieder :)

    Andi, danke für die Einladung. Wenn ich mal wieder da bin, geb ich vorher Bescheid. Rechtzeitig natürlich.

    DiVa, jetzt bin ich so gerührt dass ich kaum mehr traurig wegen deiner kreativen Pause sein kann.

    Johanna, und so wie sowieso.

    juf, hinter Ihnen, eine dreiköpfige Taube!

  7. MC Winkel

    Ich wette, Euer Frühstück war leckerer als meins! :)

    Wieder mal ein FETTES Dankeschön für’s Anreisen aus MUC, Du Teufelsreiser! Nächstes Mal machen wir dann auch wieder länger – aber die Müdigkeit war härter! (Und Paderborn war auch nur ein Katzensprung entfernt – dort gab’s dann sogar noch einen Moonwalk + Kniedreher! :))

    Bis zum nächsten Mal, Holmes!

  8. Pingback: Endlich: Lesungen in Köln & Paderborn - Der Film

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