Hüttenwochende I

February 18th, 2009 § 0

Es ist Freitag Abend und wir fahren zu einer Hütte im Rißtal nahe der Österreichischen Grenze. Tobi hat die Hütte für das Wochenende gemietet. Er feiert seinen 30. Geburtstag und wie jeder unter 30 ist er der festen Meinung, diese Rubikonüberquerung von Jung nach Alt benötigt das Adjektiv gebührend. Wie jeder über 30 bin ich der festen Meinung, dass diese Grenzziehung völliger Quatsch ist.
Der Himmel ist nicht bewölkt sondern beschlagen. Schneeflocken ziehen um uns herum Leuchtspuren durch die Luft. Am Strassenrand steht eine Reihe Fichten, die nichts verdecken außer Kilometer weiteren Fichten und der Skyline aus Bergen. Dazwischen ein Schild, das weiss auf grün den Lokalsender „Radio Alpenwelle“ (UKW 95,0) bewirbt. Vor uns erbricht ein Schneeräumer weisse Klümpchen an den Strassenrand und hinterlässt uns eine Eisrinne.
Die Ortsschilder, die mitunter nur einen Bauernhof etikettieren, tragen Namen wie Fleck, Winkel, Holz oder Wegscheid, da noch kein auswärtiger Beamter lange genug hier war, um aus ihnen etymologische Rätsel zu formen. Soeben fahren wir durch Fall, denn direkt dahinter verläuft eine langgezogene Brücke über den fünfzig Meter tiefer liegenden Rißbach. (Ich weiß nicht ob die Assoziation stimmt. Ich vermute es angesichts unserer Reifen, die mit ihrem Spiegelbild auf der Strasse alle paar Meter durchdrehen.)
Laut einem weiteren Schild, diesmal schwarz auf weiß, befinden wir uns jetzt auf einer Mautstrasse, aber niemand verspürt Lust anzuhalten und das näher zu ergründen. Wenig später taucht eh schon unsere Hütte auf. Eine Feuerfontäne, die kurz zwei Meter in den Himmel schießt, zeigt uns dass wir richtig und die Grillkohlen bald bereit sind.

Durch die Tür trete ich in einen niederbayrischen Bilderband: Bis auf den Kachelofen in der Ecke besteht alles aus dunklem Holz. An den Wänden drängen sich eng aneinander Holzschnitzereien, Felle, Geweihe, Panoramagemälde in Öl und Fotos von bärtigen Männern auf Bergen. Von dem Pfosten neben der Bar strahlt Hansi Hinterseer hinter seiner Unterschrift hervor. Darunter kleben Postkarten aus so exotischen Orten wie den Stränden von Gran Canaria und einem Leuchtturm der Norderney.
Noch bevor mein Stendhal Syndrom aber so richtig loslegen kann sitze ich schon, umringt von fünfzehn mir mehr oder weniger bekannten Gesichtern vor meinem ersten Schnaps, serviert in einem kleinen Glas das auf einer circa zehn Zentimeter großen Plastikscheibe steht an deren Ecke ein roter Knopf ist. Diesen drücken, bekomme ich erklärt, und dann startet auf dem Display oben ein Countdown der, sobald er bei Null angelangt ist, die Zeit stoppt bis das leergetrunkene Glas wieder auf der Plastikscheibe abgesetzt ist. Ein Prozedere also, bei dem geistige Aktivität eher hinderlich ist, weswegen ich mit meinem ersten Versuch mit über drei Sekunden in den untersten Plätzen der auf einer Papierserviette geführten Rangliste lande und mich erst im dritten Anlauf so sicher im zweisekündigen Mittelfeld platzieren kann, dass ich mich vor weiteren Schnäpsen sicher wähne, da ich nun weder der Listenletzte werden kann noch mir jemand eine realistische Chance einräumt, endlich den Führenden abzulösen. (Am Ende des Wochenendes waren übrigens drei der ersten fünf Plätze, inklusive dem Ersten, von Frauen belegt. Keine von ihnen war mir bisher als geübte Trinkerinnen bekannt, aber sie entwickelten einen für mich verblüffenden Ehrgeiz diese Liste anzuführen. Jeder, der einen weiblichen Gegenüber aus welchen Gründen auch immer abfüllen will, sollte sich so ein Ding und ein paar ihrer besten Freundinnen ins Haus holen.)

Erst danach komme ich dazu, Tobi zu gratulieren und ihm unauffällig einen Umschlag zuzustecken. Obwohl er sich ausdrücklich eine Mitfinanzierung als Geschenk wünschte, kommt in mir deswegen das peinliche Gefühl mangelnder Kreativität hoch.
Weitere Gäste treffen ein, trinken sich auf die Liste und schieben dann Tobi unauffällig einen Umschlag zu. Es wirkt in diesen Momenten wie ein Mafiatreffen, so weit wie möglich von der nächsten Polizeistelle entfernt. Ich greife nach meiner Tasche und suche mir im ersten Stock eines der noch freien Betten. Wieder auf dem Weg nach unten werde ich der Illusionen beraubt, die Inneneinrichtung entspräche vor Allem aufgrund ihres Alters den feuchten Träumen von Anthroposophen: Das schmale Wandstück, in dem sich der Durchgang zum Hauptraum befindet, wurde als einziges nicht neu verkleidet sondern offenbart die Blumentapete, die vor zwanzig Jahren wohl noch die ganze Hütte kleidete.

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